Donnerstag, 21. Juli 2011

Von Mann zu Frau - Wie geht´s weiter?

Christian: Was ist los mit Dir Christina? Du machst so einen niedergedrückten Eindruck.
Christina: Mhh, das kann ich Dir gar nicht so sagen, Christian. Eigentlich mache ich mir nur mal wieder so meine Gedanken.
Christian: Und was für Gedanken?
Christina: Kritische Gedanken?!
Christian: Aha!? Kritische Gedanken also. Worüber denn?
Christina: Na so über alles und ganz besonders über mich und uns. Letztens hat mir jemand auf Facebook innerhalb einer Trans*-Gruppe die Frage gestellt, wann ich meine GaOP hatte und ...
Christian: Ach ja, das habe ich auch gelesen.
Christina: ... ja? Und, was ging Dir dabei durch den Kopf?
Christian: Na, typisch Transen eben!
Christina: Hää?
Christian: Naja, das es eben eine typische Frage unter Transen ist. Zu Anfang dreht sich alles nur um das Thema "Ich will/muss als Frau leben", dann kommt der Punkt wo nur noch über Hormone, Kosmetik und Passing diskutiert wird und letztendlich steht dann das Thema GaOp an. Und für die Hardliner bleibt anscheinend zum Schluss nur noch das Thema "Anerkennung". So quasi der letzte Strohhalm an den sie sich klammern können um überhaupt noch etwas sagen zu können. Typisch Transen eben!
Christina: Was willst Du mir denn jetzt damit sagen? Du kannst Dir doch gar nicht vorstellen wie schwierig dieser Weg für uns ist. Zu Anfang muss man schließlich erst einmal kapieren was mit einem los ist. Dann kommt der schwierige Spagat seine äußere Erscheinung zu ändern und anzupassen und wenn man dann alles gemacht hat steht immer noch die gesellschaftliche Akzeptanz im Raum....
Christian: ... jajaja, iss schon klar, hast Du mir ja schon tausendmal erklärt. Ich habe damit ja auch kein Problem, ihr seid halt wie ihr seid. Aber Du scheinst damit ja ein Problem zu haben, sonst hättest Du das  Thema nicht angeschnitten. Was waren denn Deine ersten Gedanken zur Facebook Frage?
Christina: Mhh. weiß nicht. War schon etwas komisch so etwas gefragt zu werden. Ich meine, ich will ja selber keine GaOp. Irgendwie konnte ich mich daher mit dieser Frage auch gar nicht identifizieren. Sie war einfach so... na so fehl am Platz ... und sie war auch etwas abwertend, finde ich...
Christian: Abwertend? Wieso das? Es ist doch nur eine Frage und keine Unterstellung.
Christina: Doch, es ist eine Unterstellung. Es ist die Unterstellung, dass es einen festen Weg gibt den wir zu gehen haben. Eine neugierige Frage wäre gewesen: "Hast Du vor Dich einer geschlechtsangleichenden Operation zu unterziehen?" oder "Hast Du eine GaOp machen lassen und wenn ja wo?"
Christian: Aha?!?! Ich sehe die Frage dann aber eher als ein Kompliment an. Anscheinend ist dein Auftreten, oder wie Du es sagen würdest Dein Passing, so gut, dass angenommen wird Du hättest schon alles hinter Dir.
Christina: Hinter mir? Was habe ich hinter mir, was kann man bei Transsexualität hinter sich lassen? Ich bin mitten drin und wäre es auch nach einer OP. Eine Endlösung gibt es für uns nicht nur einen Weg den wir beschreiten können und der mehr oder weniger "normal" ausfallen kann. Aber das scheinen viele von uns einfach zu vergessen, sonst würden nicht so blöde Fragen gestellt werden!
Christian: Ich sag´s ja: Transen eben!
Christina: Lass Deinen Sarkasmus, Christian.
Christian: Was heißt hier Sarkasmus? Du siehst es doch selber so, sonst würdest Du Dich nicht so darüber aufregen. Hast Du Dir nicht die ganzen Fragen schon bis zum Erbrechen selber gestellt. Und manches mal hatte ich den Eindruck, dass Dich diese ganze Lebenssinn-Suche im wahrsten Sinne des Wortes zum kotzen hätte bringen können, so sehr hat es Dich mitgenommen. Du willst keine OP, na gut. Aber ich habe Dich auch schon dabei erwischt wie Du an dieser "Gewissheit" gezweifelt hast oder sie zumindest in Frage stelltest. Es ist eben ein typisches Thema für Euch. "Normale" Menschen würden über solche Fragen eh nicht nachdenken wollen - warum auch.
Christina: Mich ärgert nicht die Tatsache, dass wir uns gegenseitig helfen und Mut zusprechen wollen - dass ist eher ein starkes Zeichen von Hilfsbereitschaft und Mitgefühl unter uns. Mich ärgert der Opportunismus der oft bei all den aufopferungsvollen Hilfestellungen mit eingebracht wird. Die allermeisten sind selber nicht bereit ein drittes oder viertes Geschlecht zuzulassen. Und vielfach kommt auch die unterschwellige Behauptung zum Vorschein, dass nur wirklich TS ist wer auch den "ganzen" Weg geht. Wobei sich hier sehr kritisch und mit Recht die Frage stellen lässt: Wie sieht der "ganze" Weg aus? Nur GaOp und Personenstands- bzw. Namensänderung oder muss auch eine Stimmband-OP bzw. logopädische Stimmbildung, Brustvergrößerung oder sonstige schönheitschirurgische Maßnahme mit eingebaut werden? Wo beginnt dieser Weg und noch schlimmer, wo soll er enden?
Christian: Jetzt wirst Du aber fast schon polemisch. Du unterstellst hiermit ja, dass viele von Euch nur einem Bild hinterher laufen und keine objektive Lebensverbesserung im Sinn haben. Das wäre aber eine sehr harte Unterstellung für die Du keine Beweise hast.
Christina: Das ist ja der Grund warum ich mich so niedergedrückt fühle. Ich komme damit einfach nicht klar! Ich habe für mich eigentlich einen sehr ausgeglichenen Punkt gefunden: Mein Körper ist weiblich geworden nur der Bart stört noch. Und Theoretisch könnte jetzt alles so bleiben wie es ist. Ich fühle mich als Christina genau so wie als Christian da wir beide eins sind. Auch mein Passing gefällt mir sehr gut, ich kann mich voll und ganz damit identifizieren. Wie gesagt, nur der Bart stört noch aber dagegen werde ich ja noch was machen. Nur alles andere will ich nicht. Nicht nur weil ich Angst von einer OP hätte, sondern auch weil ich diese als nicht notwendig ansehe. Das Risiko-Nutzen-Verhältnis ist mir viel zu groß. Und was die Namens- oder auch Personenstandsänderung betrifft, so habe ich keine Lust mich anderen gegenüber rechtfertigen zu müssen. Oder um es kurz zu machen: Mir hängt der gesamte Rechtfertigungsdruck darüber Wer man ist, was man ist und wie man ist zum hals raus. Ist Dir mal aufgefallen, dass wir mittlerweile einen riesengroßen Teil unserer Zeit mit Nachdenken über das Thema Transsexualität verbringen! Das kann doch nicht sein, oder? Wo bleibt das Leben?
Christian: Womöglich ist für viele Transsexualität "das Leben", weil es sie lange verfolgte ohne dass sie wussten was es war. Und heute beschäftigt es sie, weil sie darin eine existenzielle Identifikation sehen, auch wenn sie sie sich eigentlich als Frauen ansehen. Aber es ist eben eine Erklärung für ihr Verhalten, so wie bei Dir!.
Christina: Und was ist mit dem Rest? Ziele, Ideen, Träume? Was ist damit, verschwinden sie unter der Erkenntnis Transsexuell zu sein? Spielen all diese Faktoren keine Rolle mehr? Oder ist die Tatsache sein wahres Geschlecht anzuerkennen schon die Erfüllung all dieser Zukunftsphantasien und -ziele?
Christian: Das kann ich Dir nicht sagen. Aber es sind auch wohl eher lebensphilosophische Fragen die Du hier aufwirfst, für die es womöglich auch keine konkrete Antwort geben wird, es sei denn Du findest sie für Dich selber! Sieh es mal so, ein unklares Kapitel ist dann abgeschlossen, wenn alle relevanten Fragen beantwortet wurden. Womöglich hast Du Deine für Dich wichtige Fragen bereits beantwortet und solltest jetzt los lassen. Was die Fragen zu oder über andere angeht sollte nicht Dein Problem sein. Eure Transsexualität scheint genauso komplex zu sein wie die Gesellschaft ist in der ihr lebt. Letztendlich spiegelt auch Ihr nur die Gesellschaft wieder, wenn auch in einem etwas abgeschlosseneren Kreis. Nenn´ uns Christina oder Christian, es spielt doch eigentlich keine Rolle denn wir fühlen beide das selbe. Lass uns unser Leben optimistisch und lebensfroh leben und nicht pessimistisch und kriesengeschüttelt. Du hast Deine Zufriedenheit gefunden, dann lebe sie und lass die Suche nach Antworten über Dinge die Dich nicht betreffen sondern nur irritieren. Helfen wirst Du eh nicht können!
Christina: Meinst Du, dass ich diesen Punkt schon erreicht habe?
Christian: Ich weiß nicht. Das kannst Du nur für Dich selber klären. Fakt ist, dass Du Dich angegriffen fühlst obwohl es Dich eigentlich kalt lassen müsste. Entweder Du hast Dich Deinen inneren Fragen noch nicht ganz und konsequent genug gestellt oder Du bist fertig mit dem Thema. Hierüber solltest Du noch einmal intensiv nachdenken.
Christina: Vielleicht hast Du ja recht. Ich werde mal intensiv darüber nachdenken!