Mittwoch, 15. Juni 2011

Nur "Zufrieden sein" reicht nicht mehr!

Im gewissen Sinne ist das was ich jetzt schreibe eine persönliche Revision meiner eigenen Einstellung; meiner geglaubten Überzeugung.

Bislang war ich davon überzeugt alleine durch die für mich gefühlsmäßig wichtigen Veränderung an meiner Person im physischen und die Anpassung meines Denkens (also der psychischer Ebene) die Zufriedenheit zu erlangen, die ich benötige um mit meiner Transsexualität zurecht zu kommen.

Und in der Tat, durch die hormonellen Einflüsse hat sich mein Leben wesentlich verbessert. Ich kann mich mit meinem Körper endlich indentifizieren - wenn auch noch nicht zu 100%. Aber ich bin stolz auf meinen mittlerweile klar erkennbaren weiblichen Körper, meine Gefühlswelt hat endlich auch eine Grundlage bekommen und der nahezu gänzlich verschwundene männliche Geschlechtstrieb  hat eine Ruhe in mein Leben gebracht die ich nie mehr vermissen möchte. Eigentlich alles in allem kein Grund auch nur ansatzweise deprimiert zu sein.

Aber auch wenn ich immer gesagt habe ich möchte nicht weiter gehen als bis zu meiner persönlichen Zufriedenheit, so ist dieses Gefühl der Zufriedenheit trotz immenser Fortschritte doch wieder etwas weiter in die Ferne gerückt. Es scheint mir ein wenig so zu sein, dass je mehr ich an Erfolgen für mich erziele, die Zufriedenheitsschwelle sich ebenfalls verschiebt - und zwar nach hinten!

Wo ich noch vor Wochen stolz wie eine Aschenputtel war wenn ich mich im Spiegel als klar weiblich erkannt habe und die Leute mich verwundert angeschaut haben. So fällt es mir heute immer schwieriger in meinem Spiegelbild eine Frau zu entdecken. Und auch in der Öffentlichkeit habe ich den Eindruck nicht mehr so wahrgenommen zu werden. Und das alles, obwohl ich wesentlich intensiver mit Schminken und Kleidungsauswahl beschäftigt bin als vorher. Aber da sind diese Kleinigkeiten, von denen ich immer gedacht hatte sie würden nur verbissenen Spießern auffallen, die mich in letzter Zeit nur all zu oft resignieren lassen.

Da wäre zum einen der Bart, der sich zwar gut abdecken lässt, den ich aber trotz liberaler Einstellung zu ihm immer noch sehe. Ich neige sogar schon dazu mich zu Fragen, ob eine Laserbehandlung da wirklich eine Verbesserung sein könnte. Immerhin und zudem hat mein Gesicht unter diesem Bart ja auch noch (zumindest für mich) männliche Züge.
Dann kommen meine Haare. Einfach nur wachsen lassen und ggf. Spitzen schneiden reicht wohl auch nicht. Ich muss meine Frisur ändern, aber wie...? Der Wirbel zeigt gerade am Hinterkopf so klassisch männliche Strukturen und ich habe den Eindruck, je mehr ich sie wachsen lasse umso männlicher wirkt es.
Weiter geht es mit meinem Oberkörper und den Armen. Viel zu viel Muskeln am Oberarm. Zu viel Haare (wenn auch kurz rasiert) auf den Unterarmen. Und zu wenig Oberweite und das, obwohl ich schon bei Körbchengröße B angelangt bin. Aber bei einem 85er Unterbrustumfang und einer Größe von 186cm fallen diese kleinen Dinger nur bescheiden auf.
Mein Verhalten scheint für mich auch noch mit viel zu viel männlichen Allüren behaftet zu sein. Das liegt wohl auch an meinem Job der mich auf der Baustelle nicht wirklich weiblicher werden lässt - wie auch....
Und meine Stimme erst. Neulich saß ich in der Bahn, halbwegs mit meinem Outfit zufrieden, da spricht mich ganz unerwartet mein Sitznachbar an und ich antworte erschrocken im tiefsten Wortlaut. Der hat vielleicht Augen gemacht. Und nicht nur der. Anscheinend war mein Passing bis dahin relativ gut angekommen. Nur dieser kleine ungezügelte Lapsus machte mit nur einem Wort alles zunichte. Ich war so stinkig auf mich, dass ich am liebsten laut geflucht hätte. Aber dann viel mir ein, dass solch ein rausgehauenes Fluchen weder die Situation verbessern würde noch mein Passing optimieren könnte sondern einfach nur typisch Mann gewesen wäre. Also hielt ich tief verärgert über mich selbst die klappe und versuchte zu retten was zu retten war.
Aber solche tiefstimmigen Verhauer passieren mir in letzter zeit immer wieder und das nervt nicht nur, nein es nimmt mir sogar oft den letzten Mut den ich aufgebracht habe um mich überhaupt zu präsentieren.

Bei all der Auflistung merke ich so langsam, dass es doch nicht genug ist einfach nur seine Zufriedenheitsgrenze zu erlangen. Ich will mehr. Nein, ich brauche mehr um mich RICHTIG zu fühlen!

Mein Kleidungsstil ist bislang ja eher Androgyn. OK, der allermeiste Teil den ich so auftrage ich schon aus der Frauenabteilung. Nur noch selten (bis auf meine Arbeitsklamotten) trage ich für Männer geschneiderte Sachen. Aber mein Stil ist doch irgendwie burschikos, bestehend aus Jeans, Shirts und Tops, Sneakers und lockeren Hemdblusen. Also alles was viele Frauen aber auch Männer tragen. Doch obwohl diese Sachen überwiegend für Frauen gemacht sind, machen sie mich nicht so weiblich wie ich es gerne hätte. Da fehlt noch etwas nur weiß ich nicht was. Natürlich könnte ich jetzt auf Kleider und Röcke umsteigen, aber da habe ich einfach noch nicht das richtige gefunden.

Das Dumme ist, dass eine biologische Frau auch mal "coole" klamotten tragen kann ohne gleich als Mann angesehen zu werden. Aber eine Trans-Frau kann das nicht. Wir müssen wesentlich klischeeorientierter in die Klamottenkiste greifen als unsere beneidenswerten Kolleginnen, nur um auch als Frau angenommen zu werden. Wenn ich ehrlich sein darf, passt mir dass aber überhaupt nicht. Und ich komme damit auch nicht so klar denn meine persönliche Wunschgestalt ist eben diese burschikose Art und nicht die Vollweib-Version. OK, es wird sicherlich auch Mittelwege geben die es mir ermöglichen werden das eine mit dem Anderen zu verbinden. Nur fehlt mir dazu einfach die Zeit und auch etwas das Geld um diese ganzen Varianten aus dem Blauen heraus einfach auszuprobieren.

Ja und nun sitze ich hier und komme zu der bitteren Erkenntnis: Ich werde wohl weiter gehen müssen als ich es mir bislang zugestanden habe. Nur Hormone und ein wenig angepasstes Outfit reichen nicht um mit sich zufrieden zu sein. Die Frau will mehr weil sie mehr benötigt. Für mich ist das momentan ein echter Kampf da es mir zeigt das unsere Situation noch viel komplexer ist als ich es mir trotz jahrelanger Auseinandersetzung vorgestellt habe. Vielleicht bin ich aber auch nur eine ganz naive Spätzünderin, ich weiß es nicht.

Wenn Du denkst,
dass Du denkst,
denkst Du doch nur ob Du denkst
aber denken tust Du nie!


... so kommt es mir auch oft vor!

Mittwoch, 1. Juni 2011

Glücklich sein, wenn Du es bist!

Letztens habe ich die Vermutung gelesen, dass wir (TS) dazu neigen uns übertrieben darzustellen und unser Auftreten über ein vernünftiges Normalmaß hinaus in Szene zu setzen. Ja dass wir mit dieser übertriebenen Art der optischen Präsentation selbst dazu beitragen, dass wir gerade in der Anfangszeit von unseren engen Vertrauten und Familienangehörigen abgewertet werden bzw. gemieden und sogar geächtet werden.

Aber, kann das sein? Sind wir oftmals auch selber daran Schuld, dass man uns abstoßend, peinlich oder einfach nur als geistig Krank empfindet?

Obige Vermutung kam übrigens aus unseren eigenen Reihen und in diesem Fall sogar nicht einmal von mir. Aber wenn ich ehrlich sein darf, es hätte von mir kommen können. Nicht zuletzt aufgrund meiner eigenen Erfahrungen in den letzten Woche.

Wie im letzten Post ja beschrieben, quälten mich in der letzten Zeit sehr starke Zukunftsängste, da ich nicht weiß, wie sich mein weiteres Leben im lang ersehnten Körper wohl entwickeln wird.
Werde ich meinen Job weiter ausführen können? Und wenn nein, wovon soll ich dann leben?
Werden meine Zukunftsträume und -ideen sich in Luft auflösen oder wird es einen Weg geben, diese auch im "neuen Leben" zu verwirklichen.
Und nicht zuletzt die wichtigste Frage derzeit überhaupt: Wird meine Beziehung all diese Veränderungen durchstehen und wenn ja, welche Opfer müssen dafür erbracht werden?

Als ich vor einigen Woche nach längerer Abwesenheit wieder nach Hause zu meiner Frau kam, schienen die Antworten zu den aufgestellten Fragen nicht gut auszufallen. Es schien sich ein dicker Abgrund zwischen mir und meiner Frau aufgetan zu haben. Ein Abgrund, der womöglich nicht einmal den Bau einer Verbindungsbrücke zulassen würde. Harmonie und Einheit schienen ausgeschlossen. Zwar gab es auf beiden Seiten eine kleinen Baum der Hoffnung, doch schien dieser viel zu klein und zu labil zu sein um den Abgrund zu überwinden. Das Schlimme war, wir beide sahen uns in der Opferrolle: Ich, weil ich mich in einer Beziehung befand, die keine zweite Frau zulassen würde. Und Sie, weil ich anscheinend doch angefangen hatte mich auf eine Art zu verändern obwohl ich ihr immer gesagt hatte ich bliebe der gleiche Mensch trotz meiner optischen Veränderungen.

Es hat knapp eine Woche gedauert bis wir uns beide wieder einigermaßen gefunden hatten. Eine Woche mit Tränen, Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln und letztendlich auch viel intensiver Gespräche. Und die Erkenntnisse, die wir beide davon getragen haben, sind durchweg Positiv!

Der Grund für unsere Resignationshaltung war mein übertriebener Wunsch einem möglichst exakten Transidenten-Entwicklungsweg nachzukommen. Es war nicht die Kleidung oder das Schminken, sondern es war ein absolut überzogener Versuch auch die noch letzten männlichen Erscheinungsformen wie Gestik, Stimme oder Körperhaltung dem gängigen Frauenbild anzupassen. Doch was dabei heraus kam war wohl eher ein peinliches und sehr tuntiges Abbild einer billigen Transe. Im Nachhinein ist mir absolut klar, warum meine Frau so reagiert hat wie sie es tat. Ich hatte mich auf eine Art und Weise versucht zu verändern, die mich selber schon immer angewidert hatte. Die Person die ihr jetzt gegenüber stand war nicht mehr Ich-Selbst. Doch was noch wesentlich schlimmere war, ich habe es gar nicht bemerkt. Wie konnte es soweit kommen?

Meine einzige Erklärung dafür ist, dass ich die Wochen vorher einem sehr großen Stress und Druck ausgesetzt war der mir für eine Zeit lang die Fähigkeit nahm, mich selber zu fühlen. Alles was ich tat war nur noch einem reinen logischen Ablauf unterworfen. Und das ganze wurde auch noch damit untermauert, dass ich mich in dieser Zeit der Gefühlsarmut sehr viel mit Trans- und Frauen-Themen auseinander gesetzt hatte in der Hoffnung, mir damit etwas gutes zu tun - quasi als seelentröstendes Bonbon. Nicht, dass das Auseinandersetzen mit diesen Themen negativ einzuordnen sei. Aber es wurde in meinem Fall zu einem Strohhalm an den ich mich in dieser trostlosen Zeit klammerte.

Nur, jeder Mensch muss seinen eigenen Weg gehen und sein eigenes Glück finden. Das Blicken auf Andere kann zwar motivierend sein und auch zum erlangen von Erfahrungen führen. Aber es führt ab einem gewissen Punkt auch dazu den Blick für sich selbst zu verlieren und Selbstzweifel zu bekommen oder sogar in mutlosen Neid zu verfallen.

Jetzt wo ich wieder mehr Zeit mit meiner Frau verbringe und ich auch die Möglichkeiten habe mich mit mir selbst auseinander zusetzen, merken wir beide dass es nicht gut ist, wenn in einer ohnehin problematischen Zeit der Veränderungen auch noch Faktoren wie Arbeitsstress, längere Abwesenheit oder ähnliches auf uns zukommen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, man kann immer nur eine Baustelle nach der anderen abarbeiten. Alles auf einmal führt früher oder später zum absoluten Chaos.

Ich habe versucht die finanzielle Absicherung durch meine gewerbliche Selbständigkeit im Ruhrgebiet mitsamt dem festen Kundenstamm und die beruflichen Interessen meiner Frau und die damit verbundene Ansiedlung in Baden-Württemberg unter einen Hut zu bekommen. Das ich dabei den größeren Stress auf mich genommen habe, wollte ich mir nie eingestehen. Doch genau dieser Kompromiss hat unsere Beziehung an einen Punkt gebracht, der existenziell zu sein scheint - gerade auch im Zusammenhang mit meiner transidenten Situation. Und so geht es nicht weiter!

Für mich stehen die Konsequenzen fest:
Ich werde meine gewerbliche Tätigkeit im Ruhrgebiet zurückfahren um zusehen mich auch arbeitstechnisch in der heimischen Region anzusiedeln. Auf welche Art und Weise, kann ich noch nicht so ganz sagen - nur ein paar Ideen schwirren mir schon im Kopf herum. Natürlich ist dass nicht einfach und mit Risiken verbunden - gerade als transidente Frau. Aber es wird nicht anders funktionieren.

Ich versuche es mal positiv zu sehen, denn immerhin ist es nicht das erste Mal, dass ich einen Neuanfang wage. Bislang hat es immer geklappt, warum sollte dass jetzt nicht auch noch einmal funktionieren.

Auch wenn so manche Zukunftsfragen weiterhin im Raum stehen bleiben, ich werde das positive Denken nicht aufgeben - auch wenn ich zeitweise immer mal recht kritisch die Lage betrachte. Wichtig ist nur, dass ich eine Baustelle nach der anderen abarbeite, und die erste heißt ganz klar: "Partnerschaft"!

Übrigens, nachdem meine Frau und ich wieder zueinander gefunden haben, habe ich auch gemerkt, dass sie meine Veränderungen akzeptiert und wohl auch damit leben möchte. Einer ihrer wichtigsten Sätze war: "Ich bin glücklich, wenn Du es bist!"