Freitag, 2. Dezember 2011

Die Illusion, dein Freund und Gegenspieler

Was wären wir wohl ohne Illusionen?

All zu gerne stellen wir die Illusion in unserer festgefahrenen Gesellschaft als ein dummes Phantasieren dar, als etwas was mehr von der Realität und der angeblichen Leistungsfähigkeit ablenkt, als sie zu fördern. Nur bei anerkannten "Größen" lassen wir eine Illusion noch zu, wenn es darum geht ihnen die Fähigkeit zuzusprechen womöglich "in die Zukunft schauen" zu können. Als Illusionäre werden diese Personen dann bezeichnet, jedoch auch hier nicht ohne dabei unterschwellig eine kritische Wertung mitzugeben. Im Gegensatz zum einfachen Bürger. Wird diesem so ein denken doch schon von vornherein eher als Hirngespinst oder einfach nur als Spinnerei ausgelegt. Dabei hat die Illusion weder mit dem Einen noch mit dem Anderen konkret etwas zu tun. Sie ist vielmehr eine Vorstellungskraft die uns mehr oder weniger in die Lage versetzt Dinge "mit anderen Augen" zu sehen. Ob die Illusion dabei positiv oder negativ ist hängt stark von den Gegebenheiten in denen wir sie anwenden ab und nicht mit dem grundsätzlichen Vorhandensein.

Was wären wir als Transgender wohl ohne die Fähigkeit zur Illusion?

Mit einem Schmunzeln gesagt: Wir wären wohl weniger schillernd Bunt.
Aber nun mal im ernst, hätten wir die Fähigkeit zur Illusion nicht, würden wir die Vorstellung in Gestalt eines anderen Geschlechts leben zu können sicherlich schnell beiseite schieben. Zu konträr erscheint solch ein Vorhaben mit dem tatsächlich erlebten und gelebten Umfeld zu sein. Erst die Illusion ermöglicht es uns einen "Blick in die Zukunft" schmeißen zu können und dabei auch einen Blick in eine Welt der Phantasien mit einfließen zu lassen. Wir vermischen dabei Bewusst das erwähnte augenscheinlich positive mit dem augenscheinlich negativen. Ob es letztendlich für uns gut oder schlecht ist, entscheidet nicht die Tatsache das wir so denken, sondern wie wir in der Realität damit umgehen. Ein Beispiel: Die meisten MzF Transgender werden aufgrund ihrer vorangegangenen Entwicklung ein Problem damit haben, männliche Gesichtszüge kaschiert zu bekommen. Wenn es schlecht läuft werden wir bei diesen Versuchen als Kunstprodukt identifiziert und wenn es ganz schlecht Läuft erkennt man auch weiterhin den geborenen Mann unter der Maskerade. Nur in wenigen Fällen gelingt uns ein einigermaßen gutes Passing was aber nicht bedeutet, dass wir damit immer und bei jedem als Frau durchgehen. Vom Grunde her wären all diese Tatsachen ein Grund zur Resignation. Doch hier spielt die Illusion eine wichtige Rolle zu Gunsten unseres Egos mit: ein kleines Lob zum Aussehen von der einen oder anderen vertrauten Person, eine Gewisse Selbstzufriedenheit mit sich selbst, und schon sehen wir diese Person im Spiegel mit anderen Augen, eben ganz klar als Frau. Natürlich bezieht sich das Ganze nicht nur auf unser Gesicht sondern auch auf unser gesamtes Auftreten, aber egal wie wir uns Ansehen unsere Illusionsfähigkeit spielt dabei immer eine ganz wichtige Rolle.


Doch was ist wenn unsere Illusionsfähigkeit mal nicht so ausgeprägt funktioniert, wenn rationelle Denkweisen ihr in die Quere kommen?

Mir geht das in letzter Zeit so. Nein nicht das ich es jetzt bedauere meinen Weg endlich gegangen zu sein, auch rationell betrachtet ist es das einzig Vernünftige was ich machen konnte. Doch ich merke auch immer wieder, dass ich keine reine Frau bin sondern eine Transgender. Und ich merke, dass meine Kompromissbereitschaft in meiner Partnerschaft und im Familienumfeld auf ihre natürlichen Grenzen stößt. Bislang war es mir wichtig für mich einen "inneren Frieden" zu finden, Hormone und die Anpassung meines Auftretens sind ein wichtiger Teil dieses Vorhabens. Was jedoch Familie und Partnerschaft angeht, wollte ich einen möglichst gleitenden und reibungsfreien Weg gehen. Ich gestand meiner Frau zu mich weiterhin als ihren Mann zu bezeichnen, äußerte mich gegenüber meiner Familie kaum zum Thema Trans und wenn dann nur wenn ich gefragt wurde, und versuchte mich im Arbeitsleben möglichst Geschlechtsneutral zu verhalten.

Es fing an damit, dass es im Bett nicht mehr so klappte. Klar, Androcur hat eben so seine Wirkung.... . Was für mich zu erst eine absolutes Freudenerlebnis war, änderte sich mit der Zeit zu einem kleinen Problem, wollte ich doch weiterhin Sex mit meiner Frau haben. Frei abgewandelt nach Wilhelm Busch gesagt: also lautet der Beschluss, dass der Mensch was ändern muss! Ich reduzierte also Androcur bis das Problem gelöst schien, mit dem Ergebnis, dass die Dosierung so gering war, dass ich es auch Absetzen konnte. Was ich dann auch vor einigen Wochen tat. Doch nun traten die möglichen Begleiterscheinungen von Estrogengaben in Erscheinung: das Untier erwacht zum Leben (Sorry für diese merkwürdige Umschreibung aber auch ich habe meine Schamgrenze)! Und diese Tatsache ist alles andere als toll, war ich doch froh dieses Gebilde abgeschaltet bekommen zu haben. Jetzt stehe ich wieder vor der Entscheidung entweder Androcur erneut in minimaler Dosis einzunehmen oder aber die Estradiolgaben drastisch zu erhöhen. Meine Illusion einen Mittelweg zu gehen hat hier einen kräftigen Dämpfer bekommen. Kann es sein das der Mittelweg hier nicht funktioniert?

Nächstes Problem, Familie und Beruf: Ich habe ja schon darüber berichtet, dass sich mein Betrieb im Haus meiner Eltern befindet. Das hat den Vorteil, das ich einen großen Teil der Infrastruktur der Familie mit benutzen kann und den Nachteil, dass ich während der Zeit meiner Anwesenheit in ständigem Kontakt zu ihnen stehe. Da ich berufsbedingt auf ein MakeUp verzichten kann und muss, stehe ich den größten Teil meines Arbeitstages ungeschminkt im Leben. Zwar sieht man mir eine weibliche Veränderung an, doch so richtig ernst genommen wird das von niemandem, auch nicht von meiner Familie. Zwangsläufig kommt es dann hin und wieder zu Reibungspunkten zwischen meiner Familie und mir, wenn wir uns über Kleidung, Kleidungsstile oder aber MakeUp unterhalten. Meine Mutter weiß zwar von meinem "Problem" akzeptiert es aber nicht, wohl auch deshalb, weil sie mich die überwiegende Zeit nur in Baustellenklamotten sieht. Hier müsste ich sehr wahrscheinlich eine klare Frau abgeben damit man mich auch nur ansatzweise ernst nimmt, doch unter den aktuellen Bedingungen ist dies ganz und gar nicht umsetzbar, als Landschaftsgärtnerin werde ich die erwünschte Wirkung wohl nur über einen sehr langen Zeitraum hin bekommen. Auch hier schwindet meine Illusion mit jedem Tag den ich dort verbringen muss. Ein gleitender Übergang scheint hier nur mit sehr viel Toleranz und Durchhaltevermögen verbunden zu sein.

Das gravierendstes Problem liegt jedoch in der Beziehung: Ich verändere mich - deutlich! Was jetzt wahrscheinlich erst einmal als sehr positiv angesehen werden kann, ist für meine Frau das genaue Gegenteil. Sie sieht immer mehr eine Partnerin in mir und das verunsichert sie; und nicht nur sie. Ich kann zwar ohne Probleme mit dieser wunderbaren Vorstellung einer lesbischen Beziehung umgehen, nur sie kann dies anscheinend überhaupt nicht. Das heißt, ich bin mir nicht sicher ob sie es nicht doch kann wenn wir es schaffen gegen die gesellschaftlichen Grenzen anzuschwimmen. Doch gleicht dieses Vorhaben einer OP am offenen Herzen und es stellt sich die Frage: was ist wenn es nicht klappt? Unabhängig von allem ist: ich werde ihr so oder so Schmerzen zufügen und das zerreißt mir das Herz. Das perverse bei all dem ist, das wir uns beide besser denn je verstehen, in allen Bereichen. Nur scheinen da für beide Seiten unüberwindbare Grenzen zu existieren die unsere weitere Zukunft in Frage stellen: ich kann und will nicht zurück und sie wüsste auch das dies für uns beide nicht gut wäre. Und sie hat ein Problem mit einer Frau an ihrer Seite. Natürlich, wir arbeiten daran eine gemeinsame Zukunft zu erhalten, doch dies ist schwer. Meine Kompromissbereitschaft ihr gegenüber schwindet mit jedem Tag mehr. Wenn sie von mir als ihren Mann spricht, schmerzt mich das sehr, wohlweislich, dass ich ihr diese Freiheit zugestehe. Meine Illusion als Frau leben zu können wird so mit jeder Kleinigkeit in Frage gestellt; nicht nur von meiner Partnerin und meinem Umfeld, sondern auch von mir selbst.

Es kann noch so phantastisch sein sich im Spiegel zu sehen und sich selbst zu erkennen, doch das alles bringt nichts wenn der Alltag alles in einem anderen Licht erscheinen lässt. Diese hin und hergerissenheit nennt man in der Psychologie Kognitive Dissonanz, noch so eine interessante Problematik die man erst einmal verstehen muss. Es heißt, dass solch eine Kognitive Dissonanz das Denken und Handeln beeinflusst und manches mal auch zu anscheinend widersprüchlichem Verhalten führt. Vielleicht ist der von mir gewählte Mittelweg genau so ein Resultat dieser Dissonanz. Aber wenn ich so zurück denke würde ich es entweder genau so noch einmal angehen oder aber alles von vornherein anders machen. Letzteres würde mein gesamtes gelebtes Leben in Frage stellen und ich hätte schon als Kind zu meiner Weiblichkeit stehen müssen - ein sinnloser Gedanke. Es wird wohl nicht funktionieren diesen Weg ohne Kompromisse für sich und andere zu gehen. Da kann ich dann nur hoffen das uns die Fähigkeit zur Illusion nicht verloren geht. Was wäre schon eine Welt ohne uns schillernd bunte Wesen! ;-)


Kommentare:

  1. Hallo liebe Christine, dein Blog finde ich außergewöhnlich ehrlich und sehr wertvoll.
    Spannend, was da mit euch und spezell mit dir passiert. Deine Schwierigkeiten mit Androkur/Libido ja/nein etc. kenne ich durch meine Freundin, die keine Gop gemacht hat und dies auch ablehnt. Ich war als Biofrau mit der "lesbischen" Erotik zwischen uns glücklich und zufrieden, aber sie nicht (also genau umgekehrte Situatin). Sie wollte die volle Funktion, ihres "Untiers", mir war´s nicht wichtig. Durch den Leistungsdruck, dem sie sich unterwarf, wurde es dann immer befangener und stressiger. Jetzt nimmt sie die Hormone wieder in vollem Umfang, hat aber wieder das Gefühl von Libidoverlust. Das ist für sie ein unlösbares Problem.
    Auf jeden Fall weiß ich von anderen Transfrauen ohne Gop, dass es potenzmäßig synchron zur Dauer des eingenommenen Hormoncoctails meist bergab geht. Jeder geht damit in seiner Beziehungskonstellation wohl anders damit um. Eine Transfrauenfreundin, die mit ihrer Frau seit über 18 Jahren zusammenlebt, hat erzählt, dass ihre Frau jetzt kapiert, dass sie wohl schon immer bisexuelle Neigungen hatte, denn sie hat nicht die Schwierigkeiten deiner Frau und ist erotisch gesehen experimentierfreudig. Andere Liebesbeziehungen von Transfrauen mit Biofrauen, die bisexuell oder lesbisch sind und die die Transfrau nicht mehr als Mann kennengelernt haben, sind wohl eher selten, aber existent. Man lernt sich auf entsprechenden Partys kennen oder weil man sich in den Szenerien bewegt.
    Auf jeden Fall gibt es wohl Menschen, die sich in die Seele des Partners verlieben und ihn so wie er speziell ist begehren und dann auch eine nette erotische Form finden, wie auch immer sie sich darstellt.
    Ganz viel Humor, Mut und Stärke wünsche ich dir und deiner Frau, aber auch etwas Spielerisches!
    Liebe Grüße, MD

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    1. Danke für Deinen Zuspruch und die Erfahrungsberichte! Ich gehe mit dem Thema auch mittlerweile sehr gelassen um. Es bedarf wohl auch einer gewissen Eingewöhnungsphase bei uns Transfrauen, vor allem wenn sich ein ursprünglich gut laufendes Sexualleben auf einmal so stark ändert dass beide Beteiligten nicht direkt mitkommen; gewohnte Abläufe zu ändern ist ja ohnehin schwer. Bei meiner Partnerin bemerkte ich seit einiger Zeit, dass sie eine gewissen Neugierde an meiner sich entwickelten und noch entwickelnden Körperlichkeit aufbringt. Das liegt sicherlich auch an der Tatsache, dass sie meine einigermaßen zufriedene und ausgeglichene Einstellung zu mir selbst bemerkt. Die Harmonie zwischen uns war noch nie so gut wie in den letzten Wochen. Aber ich denke auch, dass sie einen gewissen eigenen Gefallen an meinem neuen Körper gefunden hat; etwas was sie nie für möglich gehalten hätte. Bleibt nur abzuwarten wie es weiter gehen wird. Es bleibt auf jeden Fall spannend! ;-)

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  2. Liebe Christina, das klingt ja erleichternd gut, was du schreibst. Freut mich, freut mich! Ich glaube auch, es wird spannend bleiben!
    Alles Gute wünsche ich Dir/Euch.
    MD

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  3. Ein spannendes Thema! Danke für Deine Offenheit, Christina!
    LG
    Dorothea

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