Mittwoch, 1. Juni 2011

Glücklich sein, wenn Du es bist!

Letztens habe ich die Vermutung gelesen, dass wir (TS) dazu neigen uns übertrieben darzustellen und unser Auftreten über ein vernünftiges Normalmaß hinaus in Szene zu setzen. Ja dass wir mit dieser übertriebenen Art der optischen Präsentation selbst dazu beitragen, dass wir gerade in der Anfangszeit von unseren engen Vertrauten und Familienangehörigen abgewertet werden bzw. gemieden und sogar geächtet werden.

Aber, kann das sein? Sind wir oftmals auch selber daran Schuld, dass man uns abstoßend, peinlich oder einfach nur als geistig Krank empfindet?

Obige Vermutung kam übrigens aus unseren eigenen Reihen und in diesem Fall sogar nicht einmal von mir. Aber wenn ich ehrlich sein darf, es hätte von mir kommen können. Nicht zuletzt aufgrund meiner eigenen Erfahrungen in den letzten Woche.

Wie im letzten Post ja beschrieben, quälten mich in der letzten Zeit sehr starke Zukunftsängste, da ich nicht weiß, wie sich mein weiteres Leben im lang ersehnten Körper wohl entwickeln wird.
Werde ich meinen Job weiter ausführen können? Und wenn nein, wovon soll ich dann leben?
Werden meine Zukunftsträume und -ideen sich in Luft auflösen oder wird es einen Weg geben, diese auch im "neuen Leben" zu verwirklichen.
Und nicht zuletzt die wichtigste Frage derzeit überhaupt: Wird meine Beziehung all diese Veränderungen durchstehen und wenn ja, welche Opfer müssen dafür erbracht werden?

Als ich vor einigen Woche nach längerer Abwesenheit wieder nach Hause zu meiner Frau kam, schienen die Antworten zu den aufgestellten Fragen nicht gut auszufallen. Es schien sich ein dicker Abgrund zwischen mir und meiner Frau aufgetan zu haben. Ein Abgrund, der womöglich nicht einmal den Bau einer Verbindungsbrücke zulassen würde. Harmonie und Einheit schienen ausgeschlossen. Zwar gab es auf beiden Seiten eine kleinen Baum der Hoffnung, doch schien dieser viel zu klein und zu labil zu sein um den Abgrund zu überwinden. Das Schlimme war, wir beide sahen uns in der Opferrolle: Ich, weil ich mich in einer Beziehung befand, die keine zweite Frau zulassen würde. Und Sie, weil ich anscheinend doch angefangen hatte mich auf eine Art zu verändern obwohl ich ihr immer gesagt hatte ich bliebe der gleiche Mensch trotz meiner optischen Veränderungen.

Es hat knapp eine Woche gedauert bis wir uns beide wieder einigermaßen gefunden hatten. Eine Woche mit Tränen, Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln und letztendlich auch viel intensiver Gespräche. Und die Erkenntnisse, die wir beide davon getragen haben, sind durchweg Positiv!

Der Grund für unsere Resignationshaltung war mein übertriebener Wunsch einem möglichst exakten Transidenten-Entwicklungsweg nachzukommen. Es war nicht die Kleidung oder das Schminken, sondern es war ein absolut überzogener Versuch auch die noch letzten männlichen Erscheinungsformen wie Gestik, Stimme oder Körperhaltung dem gängigen Frauenbild anzupassen. Doch was dabei heraus kam war wohl eher ein peinliches und sehr tuntiges Abbild einer billigen Transe. Im Nachhinein ist mir absolut klar, warum meine Frau so reagiert hat wie sie es tat. Ich hatte mich auf eine Art und Weise versucht zu verändern, die mich selber schon immer angewidert hatte. Die Person die ihr jetzt gegenüber stand war nicht mehr Ich-Selbst. Doch was noch wesentlich schlimmere war, ich habe es gar nicht bemerkt. Wie konnte es soweit kommen?

Meine einzige Erklärung dafür ist, dass ich die Wochen vorher einem sehr großen Stress und Druck ausgesetzt war der mir für eine Zeit lang die Fähigkeit nahm, mich selber zu fühlen. Alles was ich tat war nur noch einem reinen logischen Ablauf unterworfen. Und das ganze wurde auch noch damit untermauert, dass ich mich in dieser Zeit der Gefühlsarmut sehr viel mit Trans- und Frauen-Themen auseinander gesetzt hatte in der Hoffnung, mir damit etwas gutes zu tun - quasi als seelentröstendes Bonbon. Nicht, dass das Auseinandersetzen mit diesen Themen negativ einzuordnen sei. Aber es wurde in meinem Fall zu einem Strohhalm an den ich mich in dieser trostlosen Zeit klammerte.

Nur, jeder Mensch muss seinen eigenen Weg gehen und sein eigenes Glück finden. Das Blicken auf Andere kann zwar motivierend sein und auch zum erlangen von Erfahrungen führen. Aber es führt ab einem gewissen Punkt auch dazu den Blick für sich selbst zu verlieren und Selbstzweifel zu bekommen oder sogar in mutlosen Neid zu verfallen.

Jetzt wo ich wieder mehr Zeit mit meiner Frau verbringe und ich auch die Möglichkeiten habe mich mit mir selbst auseinander zusetzen, merken wir beide dass es nicht gut ist, wenn in einer ohnehin problematischen Zeit der Veränderungen auch noch Faktoren wie Arbeitsstress, längere Abwesenheit oder ähnliches auf uns zukommen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, man kann immer nur eine Baustelle nach der anderen abarbeiten. Alles auf einmal führt früher oder später zum absoluten Chaos.

Ich habe versucht die finanzielle Absicherung durch meine gewerbliche Selbständigkeit im Ruhrgebiet mitsamt dem festen Kundenstamm und die beruflichen Interessen meiner Frau und die damit verbundene Ansiedlung in Baden-Württemberg unter einen Hut zu bekommen. Das ich dabei den größeren Stress auf mich genommen habe, wollte ich mir nie eingestehen. Doch genau dieser Kompromiss hat unsere Beziehung an einen Punkt gebracht, der existenziell zu sein scheint - gerade auch im Zusammenhang mit meiner transidenten Situation. Und so geht es nicht weiter!

Für mich stehen die Konsequenzen fest:
Ich werde meine gewerbliche Tätigkeit im Ruhrgebiet zurückfahren um zusehen mich auch arbeitstechnisch in der heimischen Region anzusiedeln. Auf welche Art und Weise, kann ich noch nicht so ganz sagen - nur ein paar Ideen schwirren mir schon im Kopf herum. Natürlich ist dass nicht einfach und mit Risiken verbunden - gerade als transidente Frau. Aber es wird nicht anders funktionieren.

Ich versuche es mal positiv zu sehen, denn immerhin ist es nicht das erste Mal, dass ich einen Neuanfang wage. Bislang hat es immer geklappt, warum sollte dass jetzt nicht auch noch einmal funktionieren.

Auch wenn so manche Zukunftsfragen weiterhin im Raum stehen bleiben, ich werde das positive Denken nicht aufgeben - auch wenn ich zeitweise immer mal recht kritisch die Lage betrachte. Wichtig ist nur, dass ich eine Baustelle nach der anderen abarbeite, und die erste heißt ganz klar: "Partnerschaft"!

Übrigens, nachdem meine Frau und ich wieder zueinander gefunden haben, habe ich auch gemerkt, dass sie meine Veränderungen akzeptiert und wohl auch damit leben möchte. Einer ihrer wichtigsten Sätze war: "Ich bin glücklich, wenn Du es bist!"

Kommentare:

  1. Erst einmal Glückwunsch zu Deiner tollen Frau, das freut mich sehr für Euch und erinnert mich an ähnliche Phasen, die wir (ich bin auch verheiratet) durchgemacht haben. Wichtig war und ist, dass ich authentisch bleibe, mich nicht verstelle, keine neue "Frauenrolle" an Stelle der alten "Männerrolle" spiele. Das hat bei meiner Frau langsam die übertriebenen Vorstellungen gelockert. Natürlich neigte auch ich am Anfang mal zu Übertreibungen, logisch, man "dürstet" ja regelrecht danach, stimmt´s? Also, völlig menschlich. Aber, wie soll ich sagen, ich habe mich nie zu etwas gezwungen - alles kam von selbst aus mir heraus. Ich brauchte nicht "stöckeln" oder "schminken" lernen, alles lief von selbst ohne Probleme. Darüber haben meine Frau und ich selbst gestaunt. Völlig natürlich und nichts trainiert. Ich bin immer einfach nur meinem "Feeling" gefolgt, hatte nie ein "Frauenbild" oder "äußeres Erscheinungsbild" vor Augen, weil ich nicht schon wieder "TYPISCH" werden möchte. Ich möchte meine eigene persönliche Weiblichkeit so leben wie sie in mir ist. Dann bleibt man auch automatisch natürlich. Das "Orientieren an Vorbildern" zerstört oft wieder die eigene Individualität, um die man ja so schwer gekämpft hat, finde ich. Hör einfach nur auf Dein inneres Gefühl und folge ihm, weiter nichts... das war für mich jedenfalls sehr gut und hat auch unsere Beziehung wieder stabilisiert.
    So, liebe Christina, ich habe auch noch einen Satz: "Man findet sein eigenes Leben gleich viel schöner, wenn man aufhört, es mit dem Leben der Leute von nebenan zu vergleichen." F. Nietzsche
    Viele Grüße und toi, toi, toi
    Gerti

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  2. Danke für den tollen Beitrag!

    Für jemanden wie ich, die mit der Transistion am Anfang steht, enthält er sehr interessante Denkanstösse.

    Bitte weiter so machen, und alles Gute auf eurem Weg!

    Liebe Grüsse
    yosi

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