Mittwoch, 18. Mai 2011

Titten, Bart und Muskelschwund...

Zum Abschluss einer Sitzung bei meinem Psycho-Coach habe ich ihn letztens mal gefragt, wie er mich sieht: als Mann oder als Frau?

Er grinste, überlegte kurz und sagte dann "Androgyn!".

War das jetzt eine Kränkung für meine Seele? Nein eigentlich nicht, denn Androgyn ist vollkommen ok. Alles andere hätte ich ihm sowieso nicht abgenommen. Nur wenn er "als Mann" gesagt hätte, wäre ich sehr wahrscheinlich zerbrochen.

Eine Woche später dann, bei einer weiteren Sitzung, sprachen wir meine Frage noch einmal an. Dabei erklärte er mir, dass er mich absolut als transsexuelle Frau sieht. Dass aber mein Aussehen nicht sofort darauf schließen lassen würde. Ich empfand seine Aussage jetzt sogar als Kompliment, denn es ist genau das, was ich beabsichtige.

Sagen wir es so, in der Pubertät (also der Zeit in der sich der Körper verändert und die Psyche hinterher kommen muss) fängt ein Mädchen auch nicht gleich an Mutters Klamotten in der Öffentlichkeit aufzutragen. Oftmals ist es ihnen sogar peinlich und sie haben Angst zu fraulich zu wirken. Bei mir ist das nicht anders. Ich erfreue mich über die Veränderungen meines Körpers und merke, dass sie mir gut tun und meinen Körper und mein Empfinden zusammen bringen. Aber für diese Phase benötige ich Zeit. Zeit mit diesen (zwar viel zu langsamen) aber doch letztendlich auch sehr schnellen Veränderungen mitzuhalten. Das ich zur Zeit ein androgynes Auftreten habe, gibt mir die Chance mich in aller Ruhe auf mein "neues" Leben einzustellen.

Dabei ist mein Leben ja gar nicht so neu. Denn nicht ich verändere mich, sondern nur mein Äußeres. Ich selbst bin und bleibe die alte Person die ich auch vorher schon war. Allerdings mit wesentlich weniger Komplexen und Ängsten.

Meine Frau wird mich sicherlich niemals als Partnerin ansehen. Und ob sie mich jemals als Frau bezeichnen wird wage ich stark zu bezweifeln. Aber das wäre OK, so lange sie mich so leben lässt, wie ich bin. Und wenn nicht... darüber möchte ich momentan nicht nachdenken müssen...!

Es gibt allerdings auch weniger praktische Veränderungen an meinem Körper. Da ich einen körperlich anstrengenden Beruf ausübe, bin ich eigentlich auf Ausdauer und Kraft angewiesen. Gut, ein Muskelprotz war ich noch nie sondern eher im Gegenteil. Aber dennoch konnte ich immer gut mit anpacken und arbeiten. Doch so langsam habe ich in meinem Beruf so einige Schwierigkeiten, denn die Muskeln verschwinden dank Androcur und Co. mit merklichen Begleiterscheinungen. Das ist zwar ästhetisch klar von Vorteil, bringt mich in meinem Job aber zeitweise in arge Bedrängnis.

Auch die psychische Belastung aufgrund meiner Veränderungen beeinflussen mein Berufsleben nicht gerade positiv. Mir ist bewusst, was ich meiner Frau antue und es tut mir im Herzen weh. Nicht selten brechen wir beide in Tränen zusammen weil wir Angst vor der Zukunft haben. Sie ist der Meinung nicht mit einer Frau zusammen leben zu können, möchte mich aber auch nicht verlieren. Ich weiß, dass es in der männlichen Rolle definitiv nicht weiter geht, kann auch nachvollziehen wie es für sie ist, möchte sie aber auch ebenfalls nicht verlieren. Es klingt wie ein Teufelskreis. Und bei diesem ganzen wahnsinnigen Theater muss ich mich auch noch um meine Kunden, die Baustellenplanungen, Angebote und Entwürfe kümmern. Ich bin ja soweit froh, dass ich den Schritt Personal einzustellen bislang nicht eingegangen bin, denn sonst wäre der Verantwortungsdruck noch größer. Aber zeitweise fühle ich mich auch ohne diese Verantwortung überhaupt nicht mehr in der Lage mich intensiv um meinen kleinen Betrieb zu kümmern. Dann kommen Existenzängste auf, die die ganze Sache auch nicht gerade verbessern. Trans ist schon ein Fluch!

Und meine Zukunftsträume und -planungen scheinen sich bei all dem Durcheinander auch so langsam in Luft aufzulösen. Habe ich noch vor einiger Zeit davon geträumt mit meiner Frau irgendwann in den landwirtschaftlichen Betrieb meines Onkels mit einzusteigen oder evtl auch selber einen kleinen Hof zu kaufen, so ist mit der aktuellen Lage alles in Frage gestellt. Und ich stelle mir die Frage: Ist das leben als Frau all diese Opfer wert? -----------

Und als skurrilen Abschluss dann der Blick in den Spiegel mit der klaren Erkenntnis: Ich hasse dieses männliche Erscheinungsbild!
Der Bart muss weg, die Titten könnten ruhig noch etwas wachsen und ein wenig weiblichen Speck könnte ich auch gerne noch zulegen (nur ein wenig! ;-) ).

Mich macht die ganze Situation momentan ziemlich fertig. Ich muss dringend zusehen meine Perspektiven zu sortieren und Ziele festzulegen. Und, ich werde nicht aufhören zu kämpfen - für alles was für mich von großem Wert ist!

Mein Psycho-Coach bewertet meine Einstellung und meine Vorgehensweise als gute Strategie. Mein Wunsch mit langsamen Veränderungen und Schritten in meine Rolle "einzusteigen" hat sicherlich auch ihre Vorteile. Nur muss man dabei aufpassen, sich nicht von äußeren Einflüssen zu stark unter Druck setzen zu lassen. Und im Alltagsstress ist es gar nicht so einfach sich über seine genaue Position im klaren zu sein. Zu schnell kommen Eindrücke auf einen zu, die die eigene weibliche Darstellung in Frage stellen oder auch die Angst vor Übertreibungen schüren. Ich Frage mich dann auch, ob es wirklich so wichtig ist möglichst schnell meinen weiblichen Wünschen gerecht zu werden. Immerhin habe ich es schon so lange in der männlichen Rolle ausgehalten das es ich es doch jetzt nicht übers Knie brechen muss, oder doch?

Naja, Kopf hoch Christina, lass Dich nicht unter kriegen! Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wenn Dir das Wasser bis zum Hals steht, hilft immer noch langsames schlürfen - das hat in der Vergangenheit bei Problemen geklappt und wird es wohl auch in der Zukunft. Letztendlich bist Du ja doch eine Optimistin!


Kommentare:

  1. Liebe Christina,
    ich finde mich in jedem deiner Worte selbst wieder und kann sehr gut nachfühlen wie es dir in solchen Gedankenphasen geht. Ich selbst habe auch sehr oft gedacht ob es all diese Mühen wert ist, um eine Frau sein zu dürfen. Ich habe für mich festgestellt, das es das wirklich Wert ist. Ich habe nie wirklich geglaubt, das meine Ex-Frau mich so akzeptiert wie ich wirklich bin, zumal sie ja 13 Jahre mit mir als "Mann" verheiratet war. Aber Sie hat es akzeptiert und das spricht von Größe. Ich wünsche dir, das auch deine Frau erkennen wird, das nicht die äußerlichen Merkmale einen Menschen wichtig für uns machen, sondern das Innere und du bleibst du.
    Ja, Trans ist eine Qual für jeden von uns. Aber wir müssen auch dankbar sein, das es heute die Möglichkeiten gibt den Geburtsfehler einigermaßen auszugleichen.
    Ich wünsche dir alle Kraft der Welt die richtigen Entscheidungen für dich zu finden. Ich denke du hast einen richtigen Weg für dich gefunden und ob dieser Weg über 47 Zwischenstop´s oder direkt zum Ziel führt kannst nur du für dich entscheiden.

    Alles liebe, Pam

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  2. Hi Pam!

    Danke für Deine lieben Worte!

    Mein größtes Problem ist wohl im Moment die mangelnde Zeit mich mit meinen eigenen Gefühlen auseinander zu setzen - zu viel was momentan meine Aufmerksamkeit verlangt. Zeitweise habe ich den Eindruck überhaupt nichts mehr zu fühlen. Und dadurch fällt es mir wohl auch so schwer, mit meinen persönlichen Eindrücken klar zu kommen.

    Eigentlich bin ich ja ganz froh so zu sein wie ich bin. Und ich kann mich doch auch recht gut mit meinem T-Girl dasein identifizieren. Es ist eben diese Ungewissheit über die Zukunft die mich momentan so plagt.

    Ich glaube das größte Problem für uns ist, wenn wir uns verkriechen und über unsere Probleme grübeln. Bei mir ist das zur Zeit eben der Beruf, der mich vom rausgehen abhält. Und wenn ich dann mal zu hause bin, will ich nur noch meine Ruhe weil ich so K.O. bin. Aber das ist wohl grundverkehrt!

    Naja, zumindest heute wird es anders sein! *freu und grins*

    Wie gesagt, bin halt doch irgendwie eine Optimistin :-) !

    Lieben Gruß,
    Christina

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  3. Hallo Christina,
    wenn du weibliche Hormone nimmst, wird auch mit der Zeit dein Erscheinungsbild weiblicher werden. Wie groß die Brüste werden, ist schwer zu sagen, aber was mit großer Wahrscheinlichkeit passieren wird, ist das du zunehmen wirst, was aber einem weiblichen Erscheinungbild nur förderlich ist. Der Bart geht leider mit Hormonen nicht weg.
    Liebe Grüsse vom Bodensee,
    Michaela

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  4. Hallo Michaela!

    Also bei mir sieht es zur Zeit so aus:
    Brüste sind schon da aber ich befürchte sie werden proportional zu meiner Körpergröße eher bescheiden ausfallen. Habe da im Vergleich zu meiner Schwester wohl eher die verkehrten Erbanlagen bekommen. :-o

    Und das mit dem Zunehmen gelingt leider auch nicht wirklich. Mein Beruf sorgt alleine schon dafür dass der Speck trotz Hormongaben keine Chancen hat - leider, ein wenig mehr wäre mir schon recht! :-(

    Tja und dem leidige Thema Bartwuchs werde ich mich in den nächsten Wochen annehmen. Es kann ja nicht angehen, dass Frau sich täglich rasieren muss, was! :-) Einzig meinem Konto grault vor diesem Eingriff. Aber das kann sich ja zum Glück nicht wirklich wehren

    Liebe Grüße an den Bodensee, dem ich schon viel zu lange Fern geblieben bin, zurück!

    Christina

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  5. Hallöööchen,

    nicht aufgeben :-) Du warst - korrigier mich
    falls Ich falsch liege - ja innerlich schon
    immer eine Frau. Seit froh, dass du und Deine
    Frau einander habt. Meistens sieht man das
    erst wenn man alleine ist, was natürlich auch
    gewisse Vorteile hat. Aber trotzdem ist zu
    zweit vieles alltägliche einfacher, z.B. im
    Haushalt. :-) Also kannst Du das auch Deiner
    Partnerin sagen: nicht aufgeben :-)

    Und nicht zuviel arbeiten. Auch abundzu
    Pause machen und sich Erholung gönnen.
    Das ist wichtig, finde Ich - spreche Da
    teils aus eigener leidvoller Erfahrung.

    Und das mit "K.O." sein nach der Arbeit,
    oh ja, kenne Ich. Komme nach 0:00 Nachts
    nach Hause. Und am Wochenende möchte Ich
    mich wenn geht, einigermaßen erholen.
    Aber nächste Woche habe Ich dann zwei
    Wochen Urlaub, gottseidank.

    Lieeebe Grüüße von einem schon immer
    denkenden und fühlenden weiblichen
    Wesen,

    Katja :-)

    PS. Ebenfalls einen schönen Gruß
    an deine Frau :-)

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