Samstag, 16. April 2011

Erkenntnisse einer Bauarbeiterin

Wer mir zur Zeit unter der Woche auf der Straße begegnen würde, käme sicherlich niemals auf die Idee mich als Transsexuell einzuordnen. Ist ja auch kein Wunder, denn mein Alltag besteht zur Zeit nur noch aus einer großen Baustelle. Seit Februar bin ich jetzt schon wieder an diesem Projekt am arbeiten und es vergeht keine Arbeitswoche in der ich nicht morgens um fünf Wach werde und abends schon um neun vor der Glotze einschlafe. Wenn ich nach Hause komme ist quasi nur noch duschen und essen angesagt und tagsüber dreht sich sowieso alles nur um den Garten meiner Kundin.
Auch wenn es beruflich und finanziell sicherlich ein Segen sein mag solch eine schöne, herausfordernde und lukrative Gartenbaustelle als kleine Landschaftsgärtnerin zu haben. so ist es doch auf der anderen Seite eine gewaltige Einschränkung für die eigene Person. Man kann sich sicherlich Vorstellen, das man auf der Baustelle nicht gerade im Designerdress arbeitet, will heißen ich laufe tagtäglich in plumpen, wenn auch nicht gammeligen, Arbeitsklamotten herum die bei Männlein und Weiblein absolut gleich aussehen - eben wie Baustellenklamotten. Selbst ans Rasieren des unweigerlich sich aufdrängenden Bartes komme ich nur alle paart Tage mal. Da wird meine Geschlächstidentität auf eine harte Probe gestellt.

Letzten Mittwoch wollte ich mir abends noch schnell eine Fahrkarte für Ostern kaufen gehen, damit ich wenigstens an den Feiertagen mal zu Hause bei meiner Frau sein kann. Also versuchte ich mich trotz körperlicher Geschafftheit wieder einmal ein wenig raus zu putzen. Nicht das es für den kurzen Weg zum Bahnhof, den ich sowieso mit dem Auto zurücklege, notwendig gewesen wäre. Aber ich wollte diesen kurzen Augenblick der Freizeit mal wieder intensiv ausnutzen und ich selber, Christina sein. Es war schon in der Abenddämmerung und der Bahnsteig war halbwegs leer aber trotzdem Fühlte ich mich in diesem Moment richtig gut. Da ist mir erst einmal wieder aufgefallen, wie mich dieser Beruf mit nimmt.
Nicht mal die Wochenenden sind zum relaxen richtig geeignet, da ich Samstags meist Vorbereitungen für die nächste Woche treffen muss und die Werkstatt und der Garten in meinem Elternhaus auch noch meine tatkräftige Aufmerksamkeit benötigen. Und Sonntags ist meist der Tag verbaut mit Büroarbeit.

Wenn ich das ganze so überdenke, ist es eigentlich kein Wunder, dass ich zum Abschluss der Saison im Winter meist zu Hause in ein tiefes Loch falle. Aber was soll ich machen, ich habe es mir vor Jahren so ausgesucht lieber wieder im Gartenbau zu arbeiten als in der Werbung. Und wenn ich ehrlich bin, ist es auch wesentlich schöner tolle Gärten zu entwerfen und zu bauen als den Menschen mit blödsinniger Werbung den Kopf für Dinge zu verdrehen die sie sowieso nicht brauchen. Und solange ich meine eigene Chefin sein kann, fühle ich mich wenigstens noch ein wenig frei, auch wenn mein Alltag sich damit fast nur noch ums Bauen dreht.

Was würde wohl mein Therapeut, zu dem ich jetzt aus Zeitgründen schon seit über einem Monat nicht mehr gegangen bin, fragen?

Psycho: "Was fühlen Sie wenn Sie  so neutral, vielleicht etwas männlich den Alltag bestreiten?"
Christina: "Nichts. Ich bestreite ihn einfach ohne darüber nachzudenken."
Psycho: "Sind sie damit glücklich oder fehlt ihnen auch irgend etwas?"
Christina: "Nein Glücklich ist relativ. Natürlich bin ich glücklich Arbeit zu haben, denn davon lebe ich und die Arbeit macht auch Spaß, sonst würde ich sie nicht machen. Aber es fehlt natürlich auch etwas bzw. es kommt in mir etwas zu kurz. Der Alltag besteht nur noch daraus zweckdienlichen Handlungen nachzugehen.  Ich selbst spiele dabei nur eine ausführende Rolle. Aber die Bedürfnisse meiner Person, kommen eindeutig zu kurz."
Psycho: "In wie fern? Können SIe mir das näher erläutern?"
Christina: "Naja, während meiner Arbeit handle ich oft instinktiv, dass heißt ich konzentriere mich auf meine Arbeit die zudem auch körperlich sehr anstrengend ist. Auch wenn ich meine weibliche Rolle an den Baustellentagen sehr vermisse. so fällt es mir doch schwer gewisse männliche Allüren zu unterdrücken. zum Beispiel das Reden mit tiefer Stimme, etwas was mir eigentlich zuwider ist, passiert mir immer wieder - und es kotzt mich auch regelmäßig an wenn ich es bemerke. Oder der Drei-Tage-Bart - ich fühle mich absolut ekelig damit, aber es fehlt mir oft morgens oder abends die Lust ihn zu rasieren. Überhaupt, längere Fingernägel sind nicht möglich, Schminken ist absolut sinnlos, meine längeren Haare sind meistens sehr unpraktisch und schöne Klamotten eine absolute Utopie. Und das schlimme ist, wenn ich abends vor mich hin döse merke ich zwar was mir fehlt. Aber dummerweise fehlt dann auch der Antrieb es nachzuholen. Ich bin einfach zu geschafft um meine Gefühle zu leben. Das ist sicherlich das traurigste an der ganzen Sache!"

Tja, das Leben ist hart und wohl auch eines der härtesten, würde ich sagen. ;-) Aber zum Glück ist bald Ostern und ich habe ein paar Tage frei. Außerdem ist das Projekt auch in der Abschlussphase. Dann stehen zwar schon weitere Baustellen an, aber die sind weniger umfangreich, so dass ich mehr Abwechslung haben werde. Ich befürchte nur, dass Jahr wird schneller rum sein als mir lieb ist. Aber vielleicht schaffe ich es dieses Jahr ja noch meinen Bart entfernen zu lassen. Dann hätte ich schon mal eine Alltagssorge weniger. Und mein Wohlgefühl würde wieder einen sichtlichen Teil zurückerobern. Mal sehen!

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