Mittwoch, 2. Februar 2011

Wie geht es weiter?

Diese Frage wird sich sicherlich jede von uns in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen stellen. Ich stellte sie mir heute Morgen nachdem ich die Küche aufgeräumt und meine Frau mit einem Kuss an der Tür verabschiedet hatte. Danach mache ich gewöhnlich den Rechner an und sehe nach was es neues gibt an Nachrichten, Mails und Postings. Dabei ärgere ich mich zur Zeit darüber, dass ich so viele Fashion-Blogs abonniert habe, die mir kontinuierlich den Google-Reader zumüllen - ich glaube hier habe ich es echt übertrieben mit den Abos. Außerdem bin ich auf ein Posting gestoßen, dass mich etwas traurig und nachdenklich zugleich macht. Und da ich die Gedankengänge hinter diesem Posting recht gut nachvollziehen kann, kam mir wieder diese eine Frage in den Sinn: Wie geht es weiter? ----------

Am meisten Beschäftigt hat mich die Tage das Urteil vom Bundesverfassungsgericht; darüber habe ich ja schon etwas (und meiner Meinung nach auch genug) geschrieben. Aber auch an dem Urteil klebt die Frage: Wie geht es weiter?
Die Richter haben festgelegt, dass (ich halte es ganz kurz und einfach) eine Personenstandsänderung (männlich - weiblich) nicht an der Verpflichtung zu einer Genitaloperation (kastration, unfruchtbarkeit) festgemacht werden darf. Somit sind grundlegende Teile des TSG als "nicht anwendbar" erklärt worden. Welche konkreten Folgen das haben kann, können wir bislang nur spekulieren. Es dürfte aber durchaus der Fall sein, dass die Vorgehensweisen der weiterhin rechtlich vorgeschriebenen Gutachter, strengeren regeln unterzogen werden. Was bedeuten wird, dass wir uns noch mehr anstrengen müssen, ein möglichst perfektes weibliches Lebensbild abzugeben. Diese Tatsache darf nicht unterschätzt werden und bedeutet einen gewaltigen Druck in einer Lebenssituation die sowieso schon knapp am Limit fährt.
Des weiteren hat das BVerfG in seiner Urteilserklärung mehrfach darauf hingewiesen, dass der Gesetzgeber auch die Möglichkeit hat, das gesamte TSG zu ändern bzw. es den neuen medizinischen Erkenntnissen anzupassen. Doch die Frage ist: durch Wen? Wer wird als Fachberater herangezogen? Die Gleichen, die auch schon für das aktuelle Gesetz verantwortlich waren? Was wird da raus kommen? Es wäre naiv zu glauben, nur weil das höchste deutsche Gericht eine halbwegs gerechtes Urteil gefällt hat käme ein neuer Gesetzestext ebenfalls in solch eine Gunst. Die meisten Gesetze, die nicht direktes öffentliches Interesse erwecken (und das TSG ist solch ein Gesetz) werden in kleinen Gremien, Arbeitsgruppen oder was weiß ich wie man sie nennt, erarbeitet. Sollte es hier wieder zu menschenrechtsverletzenden (oder sagen wir einfach: unmenschlichen) Gesetzestexten kommen, bedarf es erst wieder eines höchst richterlichen Urteils um diesen korrigieren zu lassen - und sowas kann Jahre dauern. Besser wäre es, wenn wir als Betroffene mit zu Rate gezogen würden, was die Erstellung eines neuen Gesetzes anbelangt. Nur bräuchten wir dafür repräsentative Vertreter, die eine wirkliche Ahnung von der Materie haben. Und diese Vertreter sind dummerweise schwer zu finden, das müssen wir ehrlicher Weise mal zugeben!

Also, wie geht es weiter?

In diesem Urteil liegt viel Unbekanntes begraben: viele Chancen und auch viel Risiko. Das Risiko ist, das es so bleibt wie es ist. Wir uns also anstrengen müssen unsere Seele möglichst Gewinnbringend zu verkaufen und der Gesellschaft genüge zu tun. Aber auch die Chance für Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu kämpfen, für eine ordentliche Anerkennung unseres ganz individuellen Lebens lässt sich in diesem Urteil finden.

Es geht aber auch noch weiter. Wenn wir uns schon für ein neues vernünftiges TSG einsetzen würden, könnten wir gleich weiter gehen denn 2013 soll DSM-5 veröffentlicht werden und 2014 ICD-11. Da diese beiden "Beurteilungsstandards" sehr großen Einfluss auf den Umgang mit Transsexualität in Europa haben, wäre das, sofern von uns gewünscht, ein Pflichtthema mit dem wir uns auseinander setzen müssten. Hier gibt es auf alle Fälle eine Menge richtig zu stellen und zu klären!

Aber auch hier stellt sich wieder die Frage: Wie soll das laufen? Wie soll man das machen? Also, wie geht es weiter?

Jede von uns weiß, dass es schon enorme Kraft kostet sein eigenes Leben in diesem Systemwust aufrecht zu erhalten. Und es gibt ja auch noch genug Fälle, in denen die ganze Sache ein trauriges und frühes Ende findet. Es ist also nur logisch, dass man nicht von jeder/m erwarten kann und darf, sich für die gesamte Leidensgemeinschaft einzusetzen. Und selbst diejenigen unter uns, die den Großteil der Probleme bereits erfolgreich und sogar zufriedenstellend überwunden haben, können nicht in die Pflicht genommen werden für die noch Kommenden zu kämpfen. Denn sie haben es sich jetzt erst recht verdient ihr Leben nun endlich genießen zu können. Pflicht- und Schuldzuweisungen wären also absolut fehl am Platz.
Es ist meiner Meinung nach eher eine Frage der Gemeinschaft und der ganz individuellen Einsatzbereitschaft. Die eine kann mehr, die andere weniger jede von uns hat ihre eigenen Stärken. Außerdem ist es auch nicht alleine erforderlich nur auf "politischem Weg" zu kämpfen. Vielmehr ist der öffentliche Kampf, der Kampf in der Gesellschaft, sei es als Blog, sei es als Independet-Magazin, sei es als Comedy oder ironische Satire (solche Idee habe ich heute morgen in einem Kommentar zum anfangs erwähnten Posting gelesen und finde sie genial!!!!), wichtig. Einfach nur um Aufsehen zu erregen und zu zeigen, wie wir wirklich sind und wie wir behandelt werden.

Ich denke hier muss sich jede von uns ihre eigenen Gedanken zu machen und abwägen sie tun kann und will. Und wer die Fähigkeit, die Kraft und letztendlich auch den Mut hat politisch aktiv zu werden, der sollte sich nicht aufhalten lassen. Denn in Bezug auf politische Einflussnahme haben wir ein richtig großes Defizit!

Und? Wie geht es weiter?

Ich für meinen Teil möchte mich engagieren und werde dies auch tun. Ich bin mir zwar noch nicht so ganz darüber im klaren ob ich es in einer Gruppe (Verein, Verband, etc.) tun werde oder auf eigene Faust. Fakt ist nur, dass ich mich seit über zehn Jahren mit der Gesamtproblematik zum Thema TS auseinander setze. Ich habe mich teilweise den Vorgaben unterworfen und später wieder resigniert. Habe versucht gegen mein Umfeld und anschießend mich selber zu kämpfen nur um dem Ansehen gerecht zu werden. Und ich weiß, dass es nicht nur mir so gegangen ist, sondern noch vielen anderen so geht und auch weiterhin so gehen wird, wenn sich nichts ändert. Für mich war 2009 das Jahr in dem mir klar wurde, dass ich etwas ändern muss. 2011 begann damit, dass ich mir selbst einstehen konnte einen Weg zwischen den Geschlechtern gehen zu wollen. Und nun? Wie sollte es anders weiter gehen? Mein Therapeut (nein sorry: Mein Coach ;-)) sagte mir vor zwei Wochen, dass TS ein Thema fürs gesamte Leben bleiben wird, egal wie ich es auch angehen werde. Und wenn ich schon nicht darum herum komme mich damit zu beschäftigen, dann kann ich es doch auch gleich in aller Öffentlichkeit machen. Und diese Überzeugung wächst in mir von tag zu Tag mehr!

Übrigens, beim Lesen des BVerfG-Urteils hatte ich den Eindruck, dass unser gesamtes System auf der Kippe steht. Denn dieses Urteil hat das Zeug dazu, grundlegende gesellschaftliche, vermeintlich moralische, religiöse, ja sogar im gewissen Sinne auch evolutionäre Grundsätze auf den Kopf zu stellen, wenn davon die Rede ist, dass man es nicht ausschließen kann, dass nach dem Urteil auch hier in Deutschland anerkannte Männer Babys bekommen können und anerkannte Frauen Babys zeugen können. Dumme Sache, denn unsere Gesellschaft lebt global in einer zwei Geschlechter Regelung. Diese lässt sich jedoch mit den neuesten Erkenntnissen über das mögliche Geschlechtsempfinden des Menschen so nicht weiter aufrecht erhalten. Das hier versucht werden wird, trotzdem alles erdenkliche zu tun um dieser Tradition gerecht zu werden, dürfte halbwegs verständlich sein. Von daher ist ein Kampf für die Anerkennung und die Rechte Transsexueller nicht nur ein Kampf in eigener Sache. Es geht quasi auch um das Bild des Menschen. Aber bevor ich jetzt hier auch noch philosophisch werde, widme ich mich besser meinen häuslichen Aufgaben. ;-)

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