Dienstag, 8. Februar 2011

Giftige Mischung

Ich glaube, ich habe noch nie so viele Tränen innerhalb eines guten Montss vergossen, wie in den letzten Wochen. Angefangen beim Neujahrsbesuch im Kino, fortgeführt beim Coming Out gegenüber meiner Frau und an weiteren Tagen nach diesem einschneidenden Ereignis. Und ganz aktuell gestern.

Manchmal hatte ich schon angst depressiv zu werden weil mir alles über den Kopf wachsen könnte. Doch da war immer auch dieser Hoffnungsschimmer den ich ganz stark fühlte und der mir zeigte, dass ich selbst erst einiges verarbeiten muss. Genauso wie meine Frau alles erst einmal verarbeiten muss. Das braucht Zeit und dafür braucht man auch Ruhe. Das Gehirn verarbeitet ja alles im Unterbewusstsein, in den Momenten, in denen es nicht von äußerlichen Einflüssen vereinnahmt wird: also z.B. in der Nacht beim Schlafen.

Es war daher nur gut, dass ich mir die letzten zwei Wochen eine Auszeit genommen habe. Das Wetter hat ja ebenfalls seinen Teil dazu beigetragen. Also konnte die Gärtnerin die Zeit für sich nutzen und etwas in sich selber gehen. Nach all dem seelischen Stress war das echt notwendig geworden. Außerdem brauchten meine Frau und ich auch die Zeit um uns gemeinsam zu finden. Trotz vieler Tränen waren es wunderbare zwei Wochen. Und ich denke, ein wichtiger Höhepunkt war gestern:

Ich hatte zum Wochenende eigentlich keinen so tiefen Schlaf. Vermutlich lag es am Wetter. Seit dem ich weniger männliche Hormone und mehr weibliche besitze, bin ich wesentlich Wetterfühliger. Und da es ja doch wieder um einiges wärmer geworden ist, brachte mich dieser Umschwung wohl um meinen Schlaf.

Am Sonntag lag ich als schon um sechs wieder wach im Bett, neben mir meine Frau noch immer tief im Schlaf versunken. Es sollte eigentlich ein gemütlicher und verschmuster Morgen werden, da ich schon am nächsten Tag wieder in Richtung Ruhrgebiet fahren sollte um meiner Arbeit nachzugehen (bei schönem Wetter denken die meisten gleich an Sommer und wollen das man sofort den Garten auf Vordermann bringt, auch wenn es erst Anfang Februar ist und somit noch Winter). Doch ich fühlte mich so gar nicht nach Schmusen. Mir ging viel zu viel im Kopf rum. Das merkte dann auch meine Frau und fragte mich noch halb verschlafen, warum ich schon wach sei. Ich versuchte es ihr zu erklären, doch meine Gemütslage war nicht gerade auf verständliche Erklärungen eingestellt und somit verschmolzen meine Erklärungsversuche mit bitteren Tränen der Hilflosigkeit.

Einige Tage zuvor hatte ich mich seit langer langer Zeit mal wieder mit Religion auseinander gesetzt. Grund war ein Forenbeitrag, der nicht nur mich sondern auch Andere sehr verletzt hat. Ich hatte eine stink Wut im Bauch wie man in einem christlichen Forum Menschen beleidigen kann weil sie so sind wie wir: Transsexuell. Es fiel mir nicht schwer in kürzester Zeit all mein Bibelwissen zu bündeln um sie diesen Unmenschen entgegen zu bringen. Und so wie die erste Reaktion zeigte, wurden meine Argumente auch von anderen aufgenommen. Doch so richtig zufrieden war ich noch nicht. Wieso sind gerade in Religionen die meisten Extremisten zu finden? Wieso sind so viele Gläubige gegen Menschen die anders sind? Toleranz und Nächstenliebe sind doch Hauptbestandteile der allermeisten Glaubensansichten - doch in den wenigsten Religionsorganisationen werden diese Tugenden gepflegt.

Ich habe das am eigenen Leib mitgemacht. Meine gesamte Familie waren Zeugen Jehovas. Ich habe diese Glaubensansichten quasi mit der Muttermilch aufgenommen. Und es hat mein Leben sehr beeinflusst. Bislang dachte ich immer, es wäre gar nicht so schlimm gewesen als Zeuge herangewachsen zu sein. Ich habe schon als Kind gelernt vor Menschen zu reden, musste schon als Schüler regelmäßig kleine biblische Vorträge (5min Länge) ausarbeiten und vortragen und  habe intensiv die Bibel gelesen und studiert und kennen mich heute mehr als viele andere Menschen mit diesem Thema aus. Vom Prinzip ist daran nichts schlechtes zu finden denn ich empfand das alles nicht schlimmer als Schule. Freizeit hatte ich bis auf einige Stunden in der Woche genau so wie alle anderen. Gut Geburtstage gab es nicht. Auch nicht Weihnachten, Ostern, Karneval/Fasching und was weiß ich was es noch alles gibt. Aber was man nicht kennt, vermisst man nicht - oder nicht so sehr.
Ich bin allerdings sehr früh schon über die Moralgesetze dieser Organisation gestolpert. Eigentlich sind die Moralvorgaben ganz normale biblische Vorgaben, sollten also Theoretisch von jedem bibeltreuen Menschen so angewendet werden. Wenn man aber als junger Erwachsener von 19, 20 Jahren vor ein Komitee (internes Gericht aus einigen Gemeindevorstehern) gerufen wird, weil man Sex hatte (was dummerweise raus gekommen ist), dann grenzt das schon an eine Entwürdigung. Aber das war einem dickköpfigen Mann wie mir damals ziemlich egal. Klar tat es weh, aber indirekt konnten die mich alle Mal, denn ich hatte mein eigenes Gewissen und nicht das von ihnen.

Doch mit der Zeit stieß ich immer wieder an die logischen Grenzen dieser Religionsgemeinschaft. Ein Punkt war meine Transsexualität. Gut, direkt gegen Transsexuelle haben die zu meiner aktiven Zeit nicht so sehr geredet, da das Thema in diesen Kreisen noch nicht so offen aufgetreten ist. Aber gegen Homosexualität hatte man dafür so einiges; das hat sich auch bis heute nicht geändert. Ich habe alleine seit dem Jahr 2000 eine Menge Zeugen Jehovas direkt und indirekt kennen gelernt, die schwul oder lesbisch waren. Und auch öffentliche Bekenntnisse zu dieser Orientierung gab es mitsamt den dazugehörigen Ächtungen und Rausschmisse. Und Transsexualität wird ja auch gerne mit Homosexualität gleich gesetzt, was ja bekanntlich eine schwere Sünde ist.

Das war die Zeit in der ich anfing, den gesamten Religionskram zu prüfen. Ich setzte mich mit vielen der großen Religionen auseinander mit dem Ergebnis, dass ich heute eine Gegnerin jeglicher Religion bin. Allerdings darf man hier jetzt nicht Glauben und Religion in einen Topf werfen, denn ich bin davon überzeugt, dass der Glaube Lebensnotwendig und gut ist. Religionen sind für mich hingegen einzig und allein menschliche Versuche Machtzentren zu manifestieren um sich über Andere zu stellen. Wenn es Teufelszeug gibt, dann sind es Religionen!

So und was war jetzt meine tränenreiche Erkenntniss, quasi meine giftige Mischung?

Als kleiner Junge wurde mir schon sehr früh von allen Seiten der Familie gesagt: "Du wirst in diesem System nicht mehr zur Schule gehen müssen!". Hintergrund ist die Tatsache, dass Zeugen Jehovas eine Endzeitreligion sind. Sie glauben an einen Eingriff Gottes in dieses "satanische" Weltsystem um diese Welt (das irdische Weltsystem: Länder, Staaten, Politik, falsche Religionen, etc.) zu vernichten und im Anschluss die Erde unter eine göttliche Herrschaft zu stellen (Theokratie) - bei den Zeugen "das Paradies auf Erden" genannt. Wobei "Paradies" auch genau so in seiner utopischen Form verstanden wird. Meine Familie wollte damit zum Ausdruck bringen, Du brauchst dich nicht um deine Zukunft zu sorgen, bald kommt Gott und wir leben alle Zusammen in einem friede-freude-eierkuchen Paradies in dem es keine Ungerechtigkeit, keine Krankheiten und keinen Tod mehr geben wird. Tolle Hoffnung, oder!?!
Dann kam ich aber doch in die Schule. Und da Gottes Wege ja unergründbar sind, gab es dafür natürlich eine passende Ausrede. "Aber in die höhere Schule musst Du höchstwahrscheinlich nicht mehr und ins Berufsleben sowieso nicht...". Tolle Verarschung was.

Doch was sich jetzt selten bescheuert und absolut zum kaputt lachen anhört, ist für einen kleinen Jungen, der sich als Mädchen fühlt eine absolut giftige Mischung. Denn solche absurden Ansichten lassen das Kind denken: "Ich bin Pervers oder zumindest Abnormal/Krank. Doch bald kommt das Paradies und es wird alles in Ordnung sein!"

Doch Sex zu haben ohne verheiratet zu sein war eine Sache. Aber als Junge/Mann eine Frau "sein zu wollen" und so zu leben, ist eine ganz andere Sache. Jede von uns kennt ja dieses grundsätzliche gesellschaftliche Problem aus eigener Erfahrung. Gepaart mit religiösen Verurteilungen und absurden Prophezeiungen, eingebläut bereits in Kindesalter,  hat solch eine Lehre einen verheerenden Einfluss auf ein ganzes Leben.

Ich habe mich immer gefragt, warum ich damals bei meiner Therapie doch wieder abgesprungen bin und versucht habe den Mann zu stehen? Was wäre  gewesen wenn ich nicht so erzogen worden wäre? Hätte ich dann schon viel früher meinem wahren Leben die Möglichkeit zur Entfaltung gegeben? Sicherlich, es ist müßig sich heute darüber den Kopf zu zerbrechen, denn so wie es gelaufen ist ist es nun mal auch gelaufen. Aber gestern Morgen hat es bei mir Klick gemacht. Ich habe seit Anbeginn mein wahres ICH nicht zugelassen, da eine "perfekte" Hilfe, ein Heilsversprechen für alle Probleme in meinem Kopf, versprochen worden war. Dabei war das Thema Transsexualität nicht das Einzige, dass in mir so beeinflusst wurde: ich habe mir nie viel Mühe gegeben in der Schule da ich ja sowieso nie arbeiten müsste. Ich habe mich nie intensiv um meine berufliche Situation gekümmert da der Beruf bei solch einer Perspektive eh egal ist. Altersvorsorge war mit dieser Hoffnung sowieso überflüssig. Und und und......

Ich kann von Glück sagen, dass ich doch einiges hin bekommen habe - intuitiv und mit dickem widerspenstigem Kopf. Vieles jedoch auch erst in den letzten sieben Jahren seit dem ich meine Frau kenne. Sie war als Katholikin der "Stein des Anstoßes" dafür, dass ein Großteil meiner Familie ihren Glauben überprüften und sich aus dieser Religion zurückgezogen haben, ja sogar Gegner geworden sind.

Doch mir wurde an diesem Sonnat morgen bewusst, dass ich durch diesen Irrglauben einen bislang größten Teil meines Lebens versaubeutelt habe. Und das tut weh, sehr weh! Rein intuitiv habe ich mich schon sehr früh gegen alles gewährt - der besagte dicke Kopf eben. Aber logisch konnte ich die Sachen nicht wirklich zusammen bringen. Dies ist nun aber passiert. Unter tränen, mit viel Wut und viel Trauer.

Ich habe es gestern Morgen meiner Frau doch noch erklären können. Sie traf es ähnlich hart wie mich. Aber jetzt versteht sie auch, warum ich für mich so zögerlich und qualvoll mit meiner Transsexualität herausgekommen bin. Zwar weiß sie nicht ob sie damit leben kann bzw. bis zu welchem Grad sie mich aushält aber sie möchte bei mir bleiben. Sie sagt, sie versteht mich jetzt meine Verzweiflung und möchte mir helfen.

Ich selbst bin mir ja jetzt schon seit einiger Zeit bewusst was ich will. Und wenn ich davon rede einen Mittelweg zu gehen, dann bedeutet das, dass ich keine GaOP will. Aber ich will und werde meine Frau leben, bewusst, für alle sichtbar und ganz nach meinem persönlichen Geschmack. Leben heißt schließlich auch Verantwortung tragen. Und die werde ich tragen, mit vollem Körpereinsatz! Zur Not auch durch alle Instanzen!

Ich habe zwar noch nie so viele Tränen in einem guten Monat vergossen, doch es waren allesamt gute Tränen. Und ich muss auch sagen, ich bin froh diese Gefühle in mir auf diese Weise zu spüren. Es tut gut Gefühle zeigen zu können!

Kommentare:

  1. Guten Morgen ersteinmal gratulire das du dich von der Beformundung und den Weltfremden Ansichten die dir seit Kindertagen eingetrichtert worden sind befreit hast.Ich weis das ist nicht leicht gewesen. Deiner Trennung von Glaube und Religon kann ich aus meiner Erfahrung nur zustimmen. Glaube ist das was der Mensch sich im Leben durch freies eigenständiges Denken und seine selbstgemachten Erfahrungen entwickelt. Religionen sind starre auf unflexiblen Regeln basirende Gemeinschaften die nur noch dem Machterhalt dienen. Bayrische Erfahrungswerte.
    Was Gefühle angeht Mädel geniesse sie auch wenn es schwer sein mag.
    Träunen sind ein besonderer Ausdruck von Gefühlen hat meine Oma immer gesagt.Sie hatte Recht.Beim Gedanken an meine Liebe Oma habe ich wieder Träunen in den Augen.
    Gruß aus dem tiefsten Bayern von Anna

    AntwortenLöschen
  2. liebe christina,

    oben im artikel schreibst du, daß du dich in einem christlichen forum geärgert hast, dann mit all deiner dir zur verfügung stehenden kenntnissen der bibel dagegen anargumentiert hast um dann später festzustellen, daß die "religionen" nichts für dich sind. erkkenst du den widerspruch?

    ebenfalls gilt es auch für deine entscheidung zur oder besser gegen die "geschlechtsangleichende operation". dort willst du verantwortung übernehmen. unklar bleibt, dir gegenüber oder deiner frau gegenüber oder ob das alles nicht villeicht zusammengilt, also ehrlich sich selbt gegen über zu sein.

    evtl bin ich im letzten punkt zu streng, kann es (doch) sein, das die auseinandersetzung damit genau das ist.

    viele grüße

    und laß dich nicht unterkriegen.

    j/d

    AntwortenLöschen
  3. @Anna74:
    "Tränen sind ein besonderer Ausdruck von Gefühlen hat meine Oma immer gesagt"
    Das sehe ich genauso. Nur ist leider nicht jeder Mensch dazu in der Lage. Vielleicht liegt es an der Persönlichkeit oder auch an den Hormonen, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mir Tränen sogar gegenüber mir selbst immer sehr unangenehm und zum Teil auch peinlich waren. Und heute ist es genau anders herum - eben genau so wie Deine Oma es schon gesagt hat: "... ein besonderer Ausdruck von Gefühlen."

    @jane doe:
    Ich fange mal hinten an bei der Verantwortung:
    Ich habe meine Transsexualität immer verleugnet - selbst als ich deswegen in Therapie war. Als ich meine Frau kennen lernte, wusste ich ganz genau, dass die TS Geschichte nicht begraben werden kann. Und dennoch ging ich mit ihr eine Beziehung ein auf der Grundlage ein ganzer Mann zu sein. Im gewissen Sinne ist so etwas eine vorsätzliche Handlung. Die einzige Entschuldigung die ich dafür habe, ist mein eigener verwirrter Zustand zu dieser Zeit. Jetzt wo ich mir darüber im klaren bin weiß ich, dass dieses "verlogene" Spiel ein Ende haben muss. Ich will und muss dazu stehen. Für mich ist das ein wichtiger Teil dabei Verantwortung zu übernehmen - egal ob es für oder gegen meine Beziehung spricht.

    Zu den Religionen:
    Ich differenziere ganz stark zwischen Glauben und Religion. Religionen versuchen gerne die Dinge zu ihren Gunsten auszulegen - gerade bei Bibeltexten. Dies geschah auch in dem besagten Forum. Was ich versucht habe war Feuer mit Feuer zu bekämpfen in dem ich mit Bibeltexten den Irrsinn der dort genannten biblischen Verurteilungen bloßgestellt habe.
    Nicht alles in der Bibel wird immer richtig verstanden. Und dennoch werden viele dieser nicht verstandenen Dinge verwendet um (Vor-)Urteile zu fällen. Ich muss mich nicht Christ nennen um das verhalten eines Mannes namens Jesus als Vorbildlich anzusehen. Und ich muss auch keiner Religion angehören um an Gott zu glauben. Ich sehe da wie gesagt einen himmelweiten Unterschied.
    Oder um es mal schwarz/weiß darzustellen: Für mich ist Religion Teufel und Glaube Gott! ;-)

    AntwortenLöschen