Montag, 21. Februar 2011

Gefühle und Verstand

Gestern Abend hatte ich die Gelegenheit, mit meinem Bruder über mein erneutes Coming Out zu reden. Er war derjenige, mit dem ich vor Jahren, als ich das erste mal versucht hatte meiner inneren Stimme nachzugeben, am intensivsten über meine Transsexualität reden konnte. Aber auch er war ja mittlerweile davon überzeugt, dass das damals bei mir nur ein kleiner seelischer Ausrutscher war. Von daher war es jetzt naheliegend, ihn mal über die "neue" Situation zu informieren. Vor allem, dass ich mich meiner Frau gegenüber geoutet hatte, sollte er erfahren.

Naja, und als wir gestern für einige Minuten zusammen im Auto saßen, habe ich es dann einfach mal angerissen. Seine Reaktion war überrascht aber nicht geschockt. Er wollte natürlich auch wissen, wie meine Frau es aufgenommen hatte, und so erklärte ich es ihm kurz. Ich wollte gar keine großen Reden schwingen und so kam es, dass unser Gespräch recht normal verlief. Es war einfach so, als ob man sich über allgemeine Neuigkeiten unterhalten hätte.

Allerdings ließ er am Schluss indirekt verlauten, dass er diese Transsexualität nicht für so voll nehme. Seiner Meinung nach wären die eigentlichen Probleme tiefer im psychologischen Lebensumfeld zu suchen.

Ich habe das so hingenommen ohne weiter darauf einzugehen.  Denn solche Reaktionen bin ich ja gewohnt. Es ist eben so, dass die meisten Menschen erst einmal nur ihrem eigenen Gefühl folgen. Und demgemäß ist es schwer für sie Transsexualität zu verstehen. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich ja auch extreme Schwierigkeiten damit gehabt die Diagnose Transsexualität einfach so anzunehmen - weil ich sie auch nicht rationell erklären konnte.

Natürlich gibt es heute einige Beweise für dieses Phänomen. Aber durch diese ganze Verwässerung durch die Medien und sogar durch die Medizin selbst, ist es schwer diese Geschlechtsproblematik vernünftig zu erklären. Alles was wir haben ist unser Gefühl und ein paar Versuche der logischen und fachlichen Darstellung.

Aber mal an die eigene Nase gepackt: Wer von Euch folgt nicht in erster Linie seinem Gefühl?

Ich lasse natürlich in erster Linie medizinische und psychologische Erklärungen zur Transsexualität zu, die am stärksten meinem eigenen Gefühl gleich kommen. Andere Erklärungen passen einfach nicht und werden von mir daher eher unbeachtet gelassen - ja sogar vehement bestritten.

Und so werden wohl die meisten Menschen ebenfalls in erster Linie ihrem Gefühl folgen. Und dabei werden sie merken, dass sie selber Transsexualität nicht fühlen können, weil sie nicht davon betroffen sind. Somit bleibt nur die Möglichkeit, Transsexualität rein logisch, rationell zu verstehen. Doch genau das ist sehr schwierig. Der Mensch ist eben ein Gefühlswesen! Die rationelle Sichtweise muss man erst einmal zulassen. Das Gefühl ist hingegen immer präsent.

Ich bin meinem Bruder überhaupt nicht böse, dass obwohl wir beide schon viel über dieses Thema geredet haben, er solch eine rein rationelle Lösung als wahrscheinlicher ansieht. Ich werde auch bestimmt kein Streitgespräch mit ihm führen, sondern einfach mein Leben so leben wie es mir richtig erscheint und nur dann das Thema erklären, wenn danach gefragt wird. Ich denke, dass ist einer der wichtigsten Punkte in der Anerkennungsfrager unserer Transsexualität.

Kommentare:

  1. Hi Du,

    natürlich kann Transsexualität erklärt werden. Das ist sogar ziemlich einfach. Wenn Du weisst, dass Geschlecht nicht nur aus einem Faktor besteht (wie z.B. den Genitalien), sondern es zig Geschlechtsmerkmale gibt, wenn Du weisst, dass jedes dieser Merkmale vom anderen abweichen kann (biologisch bereits hundertfach bewiesen), dann lässt sich daraus heute schon ableiten (und auch beweisen): Geschlecht ist vielfältig - Es gibt geschlechtliche Abweichungen.

    Damit kann es z.B. auch Mädchen geben, die mit Penis und Hoden ausgestattet sind - nicht weil sie sich "so fühlen", sondern weil sie so SIND. Das ist eigentlich alles.

    Liebe Grüsse,

    Kim

    AntwortenLöschen
  2. Hi Kim,

    ja klar ist es faktisch belegbar, das ist ja auch das eigentlich beruhigende an der Geschichte. Aber ich muss es nicht mir klar machen, sondern ich muss es Leuten klar machen, die nur sehen was sie selber haben oder nicht haben. Alles andere ist sie fremd und abstrakt.

    Ich muss auch zugeben, dass mir dieser ganze Erklärungswust so langsam aber sicher den letzten Nerv raubt - aber davon demnächst hier im Blog mehr davon. Nur so viel: ich verspüre zur Zeit eine richtige Drastellungs- und Klarstellungsresignation. Das hängt sicherlich auch ganz stark damit zusammen, dass ich meinen ganzen Anpassungsverlauf auf eigenen finanziellen Schultern trage. Und außer meinem Therapeuten sonst niemanden als Berater zulasse - und auch den nur bei Bedarf. Er spielt auf meinem Weg eher nur eine passive Begleiterrolle.
    Das ich vor Jahren meinen ersten Anlauf abgebrochen habe, war u.a. auch darauf zurück zu führen, dass ich dieses ganze vorgegebene Prozedere nicht akzeptiert habe - möglicherweise war es ein Fehler, möglicherweise aber auch nicht.

    Wie auch immer: ich denke Fakten sind nicht alles im Leben- wir können vieles mit Beweisen belegen, aber wir verstehen nicht immer alles davon. Eben typisch Mensch! Außerdem muss man bedenken, dass wir schon bei einigen Dingen meinten es rationell belegen zu können um dann viele Jahre später heraus zu finden, dass wir doch nicht so ganz richtig lagen.

    Was jetzt aber nicht bedeuten soll, dass ich gegen eine rationelle Aufklärung bin, im Gegenteil. Ich schätze Eure (Deine) Arbeit sehr auf diesem Gebiet! Für mich ist aber das gefühlsmäßige Verstehen von ebenso wichtiger Bedeutung. Daher meine oft kritische Betrachtungsweise. Das Thema hat eben viel Potential!

    Liebe Grüße zurück,

    Christina

    AntwortenLöschen