Mittwoch, 19. Januar 2011

Etwas (viiieel) zum (gaaaanz tiefen) Nachdenken

Nachfolgend etwas für langweilige und programmlose Abende aus den strittigsten Schubladen meines weiblichen Gehirns:

Als ich vor Jahren noch viel Zeit mit meinem damaligen schwulen Freund verbrachte, durchlöcherte ich ihn mit meinen Verständnisproblemen zur Homosexualität. Ich selbst empfand mich ja schon damals als Frau (... blöde Aussage, oder? Ich empfand mich ja schon immer als Frau resp. Mädchen. Naja egal...) und war ja nur deshalb mit ihm zusammen, weil ich diese Geborgenheit und dieses Umschwärmen sehr genossen hatte. Und ja, ich mochte ihn auch denn er hatte so was süßes sorgsames an sich. Und dennoch widerte mich die Tatsache an, das er ein Mann war - ich stand (und stehe noch immer!) eben nun mal auf Frauen, was ja auch dann zu unserem Beziehungsproblem wurde.

Wie auch immer. Er erklärte mir dann, dass seine Eltern ihn und seine jüngere Schwester schon sehr früh aufgeklärt hatten mit dem Hinweis, dass es sowohl gleichgeschlechtliche Beziehungen gebe als auch gegengeschlechtliche. Wie auch immer sie sich früher oder später entscheiden sollten, die Eltern wollten ihnen die Gewissheit geben, dass sie immer hinter ihnen stehen würden. Ich verstand das damals nicht wirklich weil es bei mir den unterschwelligen Eindruck vermittelte, hier würde schon auf Homosexualität hin erzogen. Man merkt hier schon recht deutlich, dass ich kein richtiges Verständnis für Homosexualität hatte. Ach ja hier muss ich zudem Unterscheiden: Ich hatte zur damaligen Zeit kein Verständnis für Schwule aber dafür um so mehr für Lesben und das nicht, weil mich der Gedanke an zwei sich liebende Frauen anmachte, sondern weil ich selbst so fühlte.

Meine Toleranz gegenüber diesen Personenkreisen war daher recht mäßig. Ich respektierte die Homo-Szene zwar da sie ähnliche Probleme hatten wie wir Transen (wobei ich jetzt bei Transe die gesamte Bandbreite mal mit einschließe) aber mochte sie nicht besonders da sie so ein aufdringliches Verhalten nach außen zeigten, was mir echt zu wider war und heute auch noch ist. Einmal bin ich mit nach Köln gegangen um mir den CSD an zu tun. Und bei allem Verständnis zur Rebellion, zur Aufklärung und für den Kampf um die gesellschaftliche Anerkennung. Meiner Meinung nach ist der CSD NUR ein sich selbst verarschender, aufdringlicher und total an der Realität vorbei rasender Karneval! Ich habe Jahre später viele Schwule kennen gelernt die echt tolle Typen sind und die mit aller Ernsthaftigkeit versuchen das Bild ihrer Lebensart ins rechte Licht zu rücken. Und die passen überhaupt nicht in das Bild, das so ein Happening über sie widerspiegelt. Aber genau dieses Bild hängt den meisten Leuten im Kopf. Da frage ich mich wirklich, wie man sich selber so in die Pfanne hauen kann?

Ach ja, es ist ja nicht nur für Homos ein Happening auch viele TS/TV etc. fahren da ja mit und geben sich zum besten. In welches Licht stellen wir uns da? Gut Heteros sind auch zur Genüge mit dabei. Aber der Gesamteindruck einer "freien Porno Kultur" kommt doch ziemlich stark rüber. Da ist es doch kein Wunder, dass man uns alle gesellschaftlich in einen Topf schmeißt und anprangert, oder!?

Zurück zu meinem schwulen Freund. Die Art und Weise wie seine Eltern ihn aufklärten finde ich heute absolut vorbildlich. Denn es spiegelt nun mal die Realität wieder. Interessant ist auch, dass seine Eltern eher in die gehobene Mittelschicht gehören in der alleine schon aus allgemein gesellschaftlicher Sicht die Stellungnahme zu unkonformen Lebensweisen recht kritisch angesehen wird. Aber ihnen schien das nichts auszumachen. Meinen Respekt haben sie diesbezüglich auf jeden Fall.

Doch was ist mit uns? Haben wir als TS/TV (und hier schmeiße ich bewusst mal wieder beide zusammen) Respekt vor unseren eigenen Gefühlen? Oder kommen wir nur auf eine recht opportunistische Art den Vorstellungen der Gesellschaft nach? Nach dem Motto. Wenn das der einzige Weg ist zu meinem Ziel zu kommen, dann muss ich den wohl so gehen wie er mir vorgelegt wird? Für Transvestiten bzw. Crossdresser und in den Anfangsjahren auch den MzF-Transsexuellen ist dies z.B. der geheime und "peinliche" Umgang mit weiblichen Kleidungsstücken. Später dann das Versteckspiel und die Angst erwischt zu werden. Bei uns Trans-Frauen letztendlich der Überwindungs-Punkt sich als Mannsfrau auf die Straße wagen zu müssen obwohl klar ist, dass uns jeder einigermaßen aufmerksame Mitbürger mit nahezu 100%iger Sicherheit bloß stellen könnte. Mit ein wenig Ironie könnte man das ja glatt mit Elektroschock-Therapien der frühen Psychiatrie-Jahre auf eine Stufe stellen und ich muss mich zudem Fragen, wem ich eigentlich erlaubt habe mich als krank zu bezeichnen obwohl mittlerweile jeder einigermaßen intelligente Halbmediziner wissen müsste, das Transsexualität keine Krankheit ist.

Noch einmal zur persönlichen Klarstellung:
Ich respektiere jeden frei gewählten Weg und freue mich mit jeder Person die ihr Glück damit gefunden hat. Und ich weiß auch, dass bei unserem Leidensdruck oftmals jeder Weg OK ist, der eine Lösung bietet. Aber er ist eben nur OK und nicht gut. Alleine die Tatsache, dass nahezu (wenn nicht sogar) alle TS gegen das aktuelle TSG reden zeigt, dass es eben keine wirklich akzeptable Lösung ist. Und auch bei TV ist der gesellschaftliche Druck so groß, das viele von ihnen existenzielle Sorgen haben, sollte ihre Neigung raus kommen.

Ich denke, die Frage die wir uns stellen müssen ist, ob wir das gesellschaftliche Bild nicht ändern sollten. Und ich sage bewusst WIR - nicht die anderen!

Nehmen wir mal als Vergleich FzM-Transsexuelle. Jeder weiß, dass diese es leichter haben sich in die gefühlte Rolle rein zu leben. Natürlich ist das auch schon anatomisch Bedingt einfacher aus einer Frau einen jugendlich wirkenden Mann zu machen als aus einem gestandenen Mann eine einigermaßen ansehnliche Frau zu erschaffen. Aber es sind auch die kleinen Schritte, die hier solch ein erfolgreiches Umgestalten ermöglichen. Bei uns MzF-TS habe ich eher den Eindruck, dass wir kaum aus dem Versteck gekrochen, sofort Richtung Autobahn hasten um alles aus zu leben was wir meinen verpasst zu haben. Ein peu á peu scheint es bei uns nicht zu geben. Übrigens ist das ja auch bei Transvestiten so, nur dass die einen etwas anderen Hintergrund haben. Außerdem können die ihre "Maske" wieder ablegen, nur unser erschaffenes Bild zeigt oftmals schon am Verhalten, das wir es ernst meinen - womit wir meist noch mehr auffallen.

Noch einmal zu Erinnerung:
Ich schreibe das hier als Anregung zum Nachdenken. Nicht weil ich etwas verteufeln will oder schlimmer noch, weil ich bloßstellen möchte. Im gewissen Sinne möchte ich diese formulierten Gedanken auch für mich nutzen um mir die Kuriosität und Verzwicktheit unseres Seins vor Augen zu halten. Ein paar Beispiele aus meinem Leben:

  • Man sieht mich des öfteren mit einem drei-Tage-Bart - auch wenn ich leicht geschminkt bin. Bin ich deswegen weniger Transsexuell? Ich habe nun mal einen Bart und hatte sowohl aus zeitlichen als auch finanziellen Gründen noch nicht die Gelegenheit ihn mir entfernen zu lassen. Würde ich mich tagtäglich intensiv Rasieren, würde meine ohnehin schon stark beanspruchte Haut den Bach runter gehen. Es tut mir Leid, dann muss meine Umwelt mich eben noch einige Zeit mit diesem Gesicht ertragen. Aber wenn ich ehrlich bin, fällt es wenigen auf auch wenn ich mal eine schicke Bluse, Ohrringe und meine enge Jeans dazu trage. Und ich fühle mich in keinster Weise weniger weiblich zumal jeder sehen kann, das ich mich ansonsten weiblich verhalte und wie gesagt auch so kleide. Natürlich möchte ich das diese Kratzbürste aus meinem Gesicht verschwindet aber es braucht halt seine Zeit!
  • Meine Frau möchte gerne mal wieder ins Thermalbad. Toll, ich auch. Aber da gibt es ein Problem: ich habe Titten. Nein schämen tue ich mich wegen den kleinen süßen Begleiterinnen nicht. Unter meinem Shirt kann man sie ja auch erahnen und auch meine Kleidung passe ich zwar dezent aber doch untermalend diesen kleinen Dingern an. Ich habe nur ein Schamgefühl wie jede andere Frau auch. Ich möchte nicht, dass jede Person im Schwimmbad meine kleinen weiblichen Brüste an starrt. Also ist eine Badehose alleine keine Lösung für mich. Und ein Badeanzug? Es kommt wohl auf den Schnitt drauf an. Und so lange ich keinen passenden Badeanzug gefunden habe, gehe ich nicht schwimmen. Kann man deswegen meine Transsexualität in  Frage stellen?
  • Ich bin Gärtnerin im Garten- und Landschaftsbau. Bin ich dann weniger weiblich wenn ich mich morgens ungeschminkt und unrasiert zur Arbeit begebe? Wäre dieser Job eine Gefährdung für das Bestehen meines Alltagstests? Ach ja, einen Rock trage ich dann natürlich auch nicht sondern nur ganz profane Arbeitshosen und Unisex-Hemden. Bin ich deswegen weniger Transsexuell?
  • Die Sitzungen bei meinem Psychologen nennt man Therapie. Doch ist eine Therapie in erster Linie eine Heilbehandlung. Ist Transsexualität jetzt doch eine Krankheit? OK, sie wird als solche Eingestuft: sowohl von der WHO als auch in Form des aktuellen TSG. Aber ich sagte es ja schon, medizinisch ist es keine Krankheit. Warum muss ich dann eine Therapie machen? Nur damit die Krankenkasse es anerkennt? Die sponsoren ja auch schon Fitnessprogramme aus profilaktischen Gründen. Ich verstehe es ja, dass wenn man selber nicht weiß wo man dran ist, eine Therapie (also eine Heilbehandlung) wichtig ist um heraus zu finden was man hat. Aber sobald ich weiß das ich Transsexuell bin (und das weiß ich mit hoher Wahrscheinlichkeit in dem Moment in dem ich beginne mich dem Alltagstest zu stellen) dann brauche ich keine Therapie mehr, sondern einen Coach. Einen Begleiter also der mir hilft die Hürden dieses schmachvollen Übergans zu meistern. Und dieser Begleiter ist kein Therapeut sondern ein Coach, oder von mir aus auch Trainer oder was auch immer. Sehr wahrscheinlich ist ein erfahrener Psychologe dabei die beste Wahl. Aber der Programmablauf ist keine Therapie mehr, sondern eine Hilfestellung, mehr nicht. Warum nennen wir es dann Therapie und stellen uns dabei selber ins falsche Licht?
Wo also müssen wir die Grenzen unserer Lebensweise ziehen um Anerkennung zu bekommen? Müssen wir uns von anderen sagen lassen, was wir zu tun haben nur um in dessen Gunst unser Ziel erreichen zu können? Die Einzigen, die meiner Meinung nach daran was ändern können sind wir selber.

Ich muss für mich selber zugeben: Ich lasse mich ohne Einwände gerne als dritte, viert oder fünfte Geschlechtsvariante ansehen. Aber ich habe etwas ganz gravierendes dagegen mich in eine Systemecke drücken zu lassen, die noch nicht einmal gesellschaftlich integriert wird - was man ja daran sieht das Transen jeglicher couleur nicht selten abwertend und ablehnend behandelt werden. Dabei sind wir doch ganz anders: Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen, mit Wünschen und voller Hoffnungen. Menschen die genauso auf Anerkennung angewiesen sind wie jeder andere Mensch. Menschen die das Recht haben wie Menschen behandelt zu werden und nicht wie lästige und überflüssige Bittsteller die man nur duldet und die man daher kurz halten muss.

Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht wie man es am besten anstellen könnte. Aber ich weiß, das wir dringend was daran ändern müssen. Und dabei spreche ich nicht nur die an die das noch alle vor sich haben oder die sich noch nicht getraut haben, sondern vor allem auch diejenigen die es bereits hinter sich haben oder mitten drin sind. Auch ich zähle mich dazu! Ich bin zwar nicht gerade militant aber ich bin fest der Meinung das es an der Zeit ist für unsere komplette gesellschaftliche Anerkennung zu kämpfen. Wer weiß, vielleicht ist die nächste und erste Außenministerin ja eine von uns! ;-)

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