Montag, 24. Januar 2011

Passt mein Passing und "Wer bin Ich?"

Die Vorgaben zum Umgang mit Transsexualität, wiedergegeben im Transsexuellengesetz (TSG) und im speziellen in den Standards of care zielen in erster Linie darauf ab, eine möglichst erfolgreiche Integration der "Patienten" in die Gesellschaft zu Gewährleisten. Dabei ist nicht alleine das Wohl des "Patienten" das Hauptanliegen, sondern auch und im besonderen die möglichst "verschleißfreie" Integration des Betroffenen in eine zweigeschlechtlich erzogene Gesellschaft. Oftmals mit Deckmantel ähnlichen Argumenten der christlichen Fundamentarisierung eines Staates, verteidigt aber im Endeffekt durch die Beibehaltung staatlicher Ordnungen festgelegt durch Gesetze, die dem anscheinenden Wohl des Volkes dienen sollen. Oder um es verständlicher auszudrücken: In einer zwei Geschlechter Gesellschaft, haben Abnormalitäten möglichst verschleiert zu werden um ein auseinander brechen oftmals Religiös festgelegter Gesellschaftsordnungen entgegen zu wirken. Mann und Frau sind in fast allen Religionen die Grundlage des Lebens. Andere geschlechtsspezifische Ansichten führen unweigerlich zu Streitigkeiten unter den (noch immer sehr weitläufig verbreiteten) Anhängern religiöser Glaubensansichten, was wiederum ab einem gewissen Maß zur Auflösung staatlicher Ordnungen führen würde (siehe Religionskriege; siehe Verhütungsproblematik in "Entwicklungsländern"; siehe Thema Abtreibung; siehe Homosexualität). Nach dem Motto "Was nicht sein darf, das nicht sein kann" und wenn es schon den Anschein erweckt, das es doch anders sein könnte, muss eine möglichst verschleißfreie und unauffällige Integration möglich gemacht werden.

Was das jetzt mit dem Passing zu tun hat?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mich der Wunsch weibliche gekleidet zu sein oftmals in extreme Stilrichtungen geführt hat. Sehr wahrscheinlich auch geprägt durch meine Körper eigenen Testosterone und der Tatsache auf Freuen zu stehen, neigte ich sehr stark dazu aufreizende oder äußerst sinnliche Kleidung tragen zu wollen. Hosen, einfache Blusen oder Schuhe mit flachem Absatz hätte ich niemals tragen wollen alleine schon aus Angst nicht als Frau anerkannt zu werden bzw. den Anschein erwecken zu können, weniger "Transsexuell" zu sein. (Anmerkung: Ich habe Transsexuell hier in "" gesetzt, da ich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht wusste wie solch ein Verhalten genannt wird. Ich wusste nur was ich fühlte - und ich fühlte mich einfach nur weiblich).

Dieses Phänomen findet man bei einer Vielzahl transsexueller Menschen. Alleine schon aus dem Grunde, weil man sich in seiner Rolle noch nicht gefunden hat. Genau so wie sich ein kleines Kind erst in seine Rolle hinein Leben muss, so muss dies auch bei transsexuellen Personen passieren. Mit dem Unterschied, dass ein kleines Kind unvoreingenommen seinen Gefühlen und vor allem den an ihn gesetzten Erwartungen folgen kann, während ein in Alter und Erfahrung bereits fortgeschrittener transsexueller Mensch mit voreingenommenen Gefühlen und Erwartungen zu kämpfen hat. Bei einem Kind das in die Teenager-Jahre kommt, ist es fast schon ein natürlicher Vorgang gegen Normen und gesellschaftliche Ordnungen an zu kämpfen. Ein "erwachsener" Mensch hat sich bereits den Normen angepasst. Das ignorieren oder Ankämpfen gegen diese Normen spricht sich nicht nur gegen die eigenen Erfahrungen bzw. das eigene Verständnis aus sondern wird zudem auch noch von der allgemeinen Gesellschaft geächtet. Ein erwachsener Mensch hat nicht mehr das Recht anscheinend grundlegende Werte zu ignorieren. Daher gibt es auch solche (für Betroffene oft unverständliche) Rechtsordnungen wie das TSG. Somit wird das Passing, das sich Einpassen in eine der zwei gesellschaftlich festgelegten Geschlechterrollen, zu einem existenziellen Bestandteil für transsexuelle Menschen. Die Frage ist nur, ob man bei so viel "Verantwortung" (sich selbst und der umgebenen Gesellschaft gegenüber) noch in der Lage sein kann, sich selber richtig zu finden?

Ich selbst habe das Wohlgefühl in meiner persönlich gefühlten Geschlechterrolle gepaart mit dem Wohlgefühl mir der "Haut in der ich Stecke" erst richtig wahrgenommen, als ich meinem inneren Feind, dem Testosteron den Kampf angesagt habe. Erst seit dem die Auswirkungen des Testosterons nicht mehr zu spüren waren, begann ich ein wahres Gefühl für mein Geschlecht zu entwickeln und das ist überwältigend weiblich! Doch muss ich auch zugeben, dass mich der noch offensichtlich männliche Körper bereits sehr geprägt hat. Nicht nur mein Umfeld hat sich an dieses Erscheinungsbild gewöhnt, sondern auch ich habe diesen Körper trotz der Trauer darüber das er männlich ist, als meinen Körper angenommen. Ich habe ihn zwar bereits sehr intensiv weiblich modifiziert (Epilation, Hormone, Frisur, Kleidung, Auftreten, Training der Stimme) doch auch weiterhin wird dieser Körper als nahezu männlich angesehen.

Für mich persönlich könnte dieser Körper in dieser "Mittelstellung" stehen bleiben, da ich den Mut als auch die persönliche Akzeptanz zu ihm gefunden habe. Aber das gesellschaftliche Bild macht mir sehr zu schaffen. Ich möchte weiblich Auftreten und auch so erkannt werden. Aber ich möchte nicht mehr im Umkehrschluss dabei auf mein angewachsenes Sexualorgan verzichten. Nicht weil ich mich damit identifiziere, denn ich nehme dieses Gebilde überhaupt nicht als geschlechtsspezifisches Merkmal wahr. Sondern weil ich gelernt habe es als MEIN Geschlechtsteil zu akzeptieren - für mich gehört es einfach zu meinem weiblichen Körper.

Ich würde vielleicht alles ganz anders machen, wenn ich erst Anfang Zwanzig wäre oder noch besser in der Pubertät stecken würde. Und zugegeben, ich hatte vor etwa zehn Jahren als ich erkannte, dass sich mein Verhalten Transsexualität nennt den unbedingten Wunsch, eine komplette Transformation durchzuführen. Doch im Rückblick zweifel ich stark an der Richtigkeit dieses damaligen Wunsches. Ich denke, dass mich sowohl der Hormon belastende Einfluss, als auch der gesellschaftliche Druck zu diesem Wunschdenken gebracht hatte. Ich hatte damals noch nicht diese Lebenserfahrung die ich heute habe und definitiv auch nicht den Mut mich für eine Zwischenlösung auszusprechen. Alleine schon weil ich diese Zwischenlösung damals nur im Kontext zu pornografischen Dingen sah.

Ich muss aber auch sagen, dass mir heute sehr wahrscheinlich die Kraft fehlen würde, mich den "Vorgaben" eines transsexuellen Lebensweges nach TSG oder Standars of Care zu unterwerfen. Als junger Mensch ist man sicherlich noch Risikobereiter und vor allem auch Formbarer als mit zunehmendem Alter. Und sicherlich trägt auch meine partnerschaftliche Stellung dazu bei, mich eher für einen Mittelweg zu entscheiden.
Ich stelle mir aber auch die kritische Frage, ob ich noch beim Umsetzen eines vorgegebenen Weges nach TSG ect. von MEINEM Weg sprechen könnte? Und wäre die dabei entstehende Person noch ICH SELBST? Wo beginnt das Passing und wo endet es? Wieviel geschlechtsspezifische Persönlichkeit muss ich mir zulegen und ist dies dann noch normal?

Ich will ja auch nicht als negativer Eyecatcher dar stehen. Doch muss ich mich auch Fragen, wer sich hier eigentlich anzupassen hat: Ich oder die Gesellschaft? Im optimalen Fall wäre es sicherlich auch hier ein Mittelweg, der sich aber wohl erst in einigen hundert Jahren vernünftig realisieren ließe. Unsere Gesellschaft ist viel zu stark von vermeintlich ethischen und religiösen Normen durchflutet. Selbst in unserem anscheinend "fortschritlichen" Zeitalter hängen wir noch an Strukturen des Mittelalters. Selbst bei der Suche nach Antworten zu aktuellen Themen landen wir oft bei vorchristlichen Erklärungsansätzen.

Sicherlich hat sich die Gesellschaft in den letzten fünfzig Jahren weitreichend geändert und geöffnet aber dies alles nur auf oberflächlicher Ebene. Das "was nicht sein darf das nicht sein kann" Prinzip ist auch weiterhin weit verbreitet und drückt sich durch alle Schichten der Gesellschaft. Und noch schlimmer, Bereiche in denen dieses Denken scheinbar ausgemerzt wurde, werden auf einmal wieder davon befallen. So kann es denn dann auch dazu kommen, das Gesetze wie z.B. das TSG in ihrer veralteten Form angewendet werden obwohl es bereits viele wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die diese Form weitgehend in Frage stellen.

Ich wünschte man könnte sich in unserer Situation mehr auf sich selbst als auf die umgebene Gesellschaft konzentrieren. Alleine das wäre schon eine ungemeine Last, die uns genommen werden könnte. Wir brauchen einfach mehr unvoreingenommene Akzeptanz für die Vielseitigkeit der Geschlechter. Ich denke das es eine Menge transsexuelle Menschen gibt, denen damit sehr viel weiter geholfen würde.

Allerdings muss man sich in diesem Zusammenhang auch die ehrliche Frage stellen, in wie weit wir selbst ein Bedürfnis dazu haben, diese zweigeschlechtliche Gesellschaftsform aufrecht zu erhalten. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass man sich, je nach Antwort, mit solch einer Frage auch selbst in Frage stellen kann. Und ich sehe mich nicht als Glaubensfrage, sondern als Realität, weshalb ich diesen Punkt mal als rhetorischen Denkanstoß so stehen lasse.


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