Montag, 31. Januar 2011

Aufklärung gleich NULL?

Eigentlich hatte ich nicht vor schon wieder etwas zu schreiben, da meine Gedanken noch beim Urteil des BVerfG sind. Dabei ist dieses Urteil zwar (einseitig betrachtet) recht positiv ausgefallen, andererseits bringt es aber doch auch Probleme mit sich, über deren Ausmaß wir vorerst nur spekulieren können. Aber so wie es einige von Euch (allen voran Kim von ATME) schon angemerkt haben, ist es jetzt mehr denn je wichtig für unsere Rechte und unseren Stand in der Gesellschaft zu kämpfen.
Und genau dieser Punkt des KÄMPFENs beschäftigt mich derweil ganz persönlich, weshalb ich hier eigentlich erst wieder was schreiben wollte, wenn ich mir im klaren darüber bin, wie ich meinen aktiven Beitrag dazu leisten kann.

Doch eine kleine Suchanfrage über Google, die mir in meiner Blog-Statistik begegnet ist, brachte mich jetzt doch dazu etwas zu schreiben. Sie lautet:
"Wenn ich mich transsexuell fühle kann ich in die Psychiatrie kommen"

OK, wir leben im Jahr 2011. Transsexualität wird schon seit vielen Jahren ab und zu im Fernsehen und der restlichen Presse erwähnt - und das nicht immer nur negativ. Auch gibt es Foren, Blogs wie diesen hier, Selbsthilfegruppen, und, und, und. Und dennoch erreichen uns (ich denke jede von Euch die einen Blog hat ist bereits mit solchen Anfragen konfrontiert worden) immer wieder solche, meiner Meinung nach verängstig formulierte Aussagen bzw. Fragen, die man anscheinend nur dem Internet stellen kann. Gut, auch ich habe den Großteil meiner Aufklärung zu diesem Thema über das Internet bekommen. Aber eine Frage wie diese zeigt, dass kaum etwas richtig ist an der Vorstellung der Gesellschaft zum Thema Transsexualität. Das zeigt ja auch die teilweise recht absurde Beurteilung des Verfassungsgerichtes.

Als ich in die Teenagerjahre kam, machten wir uns oft über die Fragen ans Dr. Sommer Team in der BRAVO lustig. Den Erwachsenen gefiel das oftmals gar nicht und so verbot mir meine Mutter anfangs den Kauf dieser Zeitschrift. Heute regen sich die Eltern auf, dass das Internet eine Gefahr für die Kinder sei. Aber beide Verhaltensweisen zeigen eigentlich nur eins auf: Die Eltern (und im gesamten die Gesellschaft) haben Versagt bei der Aufklärung ihrer Kinder!

Jetzt kann man von den Eltern ja nicht unbedingt erwarten, dass sie über ein verhältnismäßig seltenes Problemthema wie die Transsexualität aufklären können, wenn sie in den meisten Fällen nicht einmal dazu in der Lage sind ihre Kinder über grundlegendere Dinge zu informieren. Darüber hinaus ist es ja auch gar nicht so unnormal, wenn die Eltern ihre Aufklärung ihrerseits selbst nur "von der Straße" haben, da ihre Eltern ja auch schon den Deckmantel des Schweigens über dieses Thema gelegt haben aus Angst vor "unmoralischer" Verunglimpfung. Aber es sollte doch schon (Achtung Ironie!) in der allgemeinen Gesellschaft angekommen sein, dass Transsexualität keine Krankheit ist und schon gar nicht eine die man in der Psychiatrie behandelt.

Nein, natürlich ist das im Großteil der Gesellschaft noch nicht angekommen, da ja kaum Aufklärungsarbeit betrieben wird! Wir verstecken uns da doch lieber hinter unseren Perücken und MakeUp um möglichst unauffällig ein Ziel zu erreichen, dessen Weg wir aber dennoch unablässig kritisieren und beschimpfen, statt dagegen offen anzugehen. Statt unsere eigene Demonstration der Vielseitigkeit auf die Beine zu stellen und der Öffentlichkeit zu zeigen, gesellen wir uns lieber unauffällig unter andere vermeintliche "Exoten" indem wir versuchen unseren Teil zu den CSDs der Welt beizutragen. Dabei haben nur wenige von uns wirklich was mit denen am Hut. Es sollte ja sogar weitläufig in der Szene bekannt sein, dass Homos und Transgender oftmals selber Interessenkonflikte miteinander haben.
Natürlich haben und hatten wir Angst entdeckt zu werden und uns deshalb im stillen verkrochen. Aber spätestens mit unserem ersten Outing kam es raus und wir standen "nackig" vor dem Rest der Welt. Da gibt es eigentlich ja keinen Grund mehr sich bedeckt zu halten, oder? Warum aber ist der Großteil der Gesellschaft weiterhin so falsch über uns Informiert? Ist es etwa Aufgabe des Staates oder der Politik über uns zu informieren? Die sind doch schon mit anderen Aufgaben mehr als überfordert und haben nur ihre eigene Lobby im Kopf. Und was ist mit unserer Lobby? Haben wir eigentlich eine? Und wenn ja, welche Art der Aufklärung betreibt diese? Etwa nur eine Aufklärung unter Betroffenen? Was soll das bringen, außer das ein Wissensvakuum in der Gesellschaft aufrecht erhalten wird, dass uns selber das Leben schwer macht obwohl es ja von seiner Grundproblematik her schon schwer genug ist. Das öffentliche Schweigen untermalt ja sogar noch die Notwendigkeit zur Aufklärung und Hilfe unter Betroffenen - ein Teufelskreis!

Zu Erklärung mal die Begriffsdeutung zu Lobbyismus aus Wikepedia:

Lobbyismus ist eine ... Form der Interessenvertretung in der Politik, mit der Interessengruppen (Lobbys) versuchen, die Exekutive und Legislative durch persönliche Kontakte – aber auch die öffentliche Meinung über die Massenmedien (Öffentlichkeitsarbeit) – zu beeinflussen. Offizielle Bezeichnungen sind etwa Interessenverband, Public Affairs, politische Kommunikation, Politikberatung und Ähnliches. ... Unternehmensverbände, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und andere Verbände sowie größere Unternehmen bringen ihre Interessen gezielt in das Gesetzgebungsverfahren mit ein. Umgekehrt bekommen die Mitglieder der Verbände relevante und aufbereitete Informationen von ihren Verbandsorganisationen. Damit können politische Entscheidungen vorhergesehen werden und bei Entscheidungen der Verbände, ihrer Mitglieder und auch nicht-organisierter Betroffener berücksichtigt werden. ...

Bei der Suchanfrage Verbände Transsexualität über Google erhalte ich auf der ersten Seite nur zwei passende Treffer (www.genderkompetenz.infowww.dgti.info). Auf der zweiten Seite ist es sogar nur noch ein relativ relevanter Treffer (http://www.transinterqueer.org/). Da Google seine Ergebnisse in erster Linie nach Relevanz (sprich nach Aufrufen) sortiert (ich kann mir nicht vorstellen, dass ein uneigennütziger Verband für seine Platzierung Geld bezahlt), stellt sich dieses Ergebnis als sehr Mager heraus. Anscheinend interessieren die Interessenverbände nicht mal uns selbst so richtig. Dabei gibt es noch einige mehr als diese magere Ausbeute.

Auf der Seite von www.transinterqueer.org bin ich auf einen ganz interessanten Hinweis gestoßen unter der Überschrift Mitglied werden:

Wir brauchen Euch - TrIQ lebt durch seine Mitglieder!
Die Anzahl unserer Mitglieder trägt entscheidend dazu bei, daß wir und unsere Ziele wahrgenommen und ernstgenommen werden.

Darüber sollte jeder von uns mal nachdenken - ich schließe mich da keinesfalls aus!
Ganz ehrlich, außer dem DGTI und seit einem Jahr auch dem ATME waren mir sonst keine Interessenverbände bekannt. Selbsthilfegruppen hingegen schon eher und natürlich auch private Blogs. Wobei die Blogs mir am meisten gebracht haben und bringen, weil sie die Nähe vermitteln, die ich suche und woanders anscheinend nicht finde. Außerdem bieten sie die Möglichkeit zum Austausch von Gedanken und Gefühlen, etwas was Verbände selten können. Aber wenn es um das Vertreten von gemeinschaftlichen Interessen geht, kann kein Weg an einer institutionellen Gemeinschaft vorbei gehen. Und wir haben weiß Gott genug Gründe um uns in der Politik, in der Gesetzgebung und in der gesamten Gesellschaft mit unseren Anliegen einzubringen.

Seit vielen Monaten quält mich der Gedanke wie es weiter gehen soll - vor allem die letzten Wochen. Ein zurück gibt es nicht mehr, das wäre der Tod. Also geht es nur voraus. Doch voraus liegen Steine die Generationen um Generationen dort liegen gelassen haben, nebst Steinen die ich einst selber dort hin geschmissen hatte. Einige wenige wurden schon aus dem Weg geräumt. Meine eigenen Steine muss ich selber wegräumen. Aber viele andere liegen da noch rum und versperren den Weg nicht nur für mich sondern auch für all die anderen die noch kommen werden. Ich gönne niemanden diese Qualen wie wir sie erleben und erlebten (höchstens denen die trotz besserem Wissen gegen uns reden!). Und es macht mir Angst und Sorgen das wir selbst im "abgeklärten" Jahr 2011 noch immer mit solchen grundsätzlichen Problemen zu kämpfen haben. Wenn auch wir es versäumen uns um UNSERE Interessen zu bemühen (und Bemühen verlangt ja schon ein gewisses Engagement), wer soll es dann tun? -----------

Für mich ist die gestellte Frage an Google eine traurige Frage:
"Wenn ich mich transsexuell fühle kann ich in die Psychiatrie kommen"

Ich gebe daher gerne eine klare Antwort:
Nein! Transsexualität ist keine Krankheit - weder körperlich noch geistig.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen