Montag, 1. November 2010

Nach einem Jahr


Es ist jetzt gut ein Jahr her, dass ich mich nach jahrelanger Abstinenz wieder dazu entschlossen habe, Hormone zu mir zu nehmen. Allerdings war das letzte Jahr kein klassischen Transen-Hormonjahr mit synthetischen Hormonen, sondern eher ein Experimentelles-Wohlfühljahr mit pflanzlichen Hormonen. Ein Wohlfühljahr deswegen, weil ich zuerst gar nicht darauf aus war meinen Körper komplett zu verändern, so dass es jeder mitbekommt, sondern eher der Versuch, meinen Körper dem seelischen Gefühl weiblich zu sein, anzupassen. Oder um es weniger kompliziert auszudrücken: meine Empfindungen und den mir gegebenen physischen Körper in Einklang zu bringen. Denn obwohl mir meine Transsexualität bewusst ist, so bin ich mir auch darüber im klaren, sehr wahrscheinlich mein Leben lang mit diesem Körper leben zu müssen. Da ich jedoch immer wieder merke, dass genau diese Logik nur eine theoretische Logik ist und keine Tatsächliche, entschloss ich mich dazu, den pflanzlichen Hormonen eine Chance zu geben. Immerhin sind diese Art der Hormone ja zumindest bei körperlich biologischen Frauen dazu in der Lage, hormonell und damit auch auf Empfindungsebene, Ausgleichend bzw. Regulierend zu wirken. Nicht umsonst ist der Markt für Wechseljahresprodukte und Produkte zur Überwindung von Menstruationsproblemen so groß. Hier scheinen Jahrhunderte alte Rezepte mit neuen Erkenntnissen Hand in Hand zu gehen. Und genau diesen Mitteln wollte ich auch alleine aus botanischer Neugierde auf den Grund gehen. Wenn sie mir zudem noch helfen könnten meine Gefühle besser zu sortieren oder vielleicht sogar zu harmonisieren, so wäre das sicherlich der bessere Weg als der mit synthetischenenen Hormonen, Zwangsouting und Vogelscheuchencharakter einhergehende klassische Weg für Transsexuelle. Außerdem war ich der Meinung, dass pflanzliche Stoffe allemal besser seien als synthetische.
Heute knapp ein Jahr und einigen hundert Euro später muss ich ein recht ernüchterndes Resümee stellen. Ich habe viel ausprobiert, eine Menge Geduld geübt und auch sehr viel Kraft und Zeit (vom Geld mal ganz zu schweigen) investiert. Und Tatsächlich, Veränderungen haben die pflanzlichen Hormonpräparate und -regulierer ganz klar herbeigeführt. So ist meine Haut vor allem im Gesicht wesentlich glatter geworden. Typisch männlich Gesichtszüge sind schon nach wenigen Monaten weiblicher geworden. Alles in allem habe ich ein jüngeres Aussehen – eine Tatsache, die in meinem Bekanntenkreis bei Personen denen ich weniger oft begegne so manches mal zu Irritationen geführt hat. Auch haben die pflanzlichen Hormone einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf meine Gefühle genommen. So empfand ich bei einigen Mittel, dass sie mir wesentlich mehr Kraft gaben, meine weiblichen Gefühle trotz männlichen Körper zu akzeptieren. Ja in einem gewissen Sinne stärkten sie sogar meine Weiblichkeit, was dazu führte, das ich mit wesentlich mehr Gelassenheit und Selbstverständnis meiner Weiblichkeit nach außen hin Ausdruck verleihen konnte ohne von Angst- bzw. Schuldgefühlen übermannt zu werden. Es hatte aber auch den Nachteil, dass aufgrund wachsendem Ego der Frau in mir, auch das Gefühl des Auslebens an stieg. Ich begann mich etwas wie ein pubertierendes Mädchen zu sehen und auch so zu empfinden – etwas, das ich im Scherz und zum besseren Verständnis über meine Gefühle schon oft so zum Ausdruck gebracht habe, aber noch nie so direkt empfunden habe. Jetzt kam es aber auf. Und jeder der sich in seine Pubertät zurück erinnern kann wird wissen, dass diese Jahre der Entwicklung, auch Jahre des Übergangs vom Mädchen zur Frau und vom Jungen zum Mann sind. Und genau dort befinde ich mich gefühlsmäßig jetzt. Ich fühle mich einerseits wohl in meiner gefühlten weiblichen Rolle aber sehe auf der anderen Seite noch immer einen männlichen Körper. Ich bin in der Pubertät und warte darauf eine Frau zu werden. Anscheinend regulieren die pflanzlichen Hormone tatsächlich. Aber in meinem Fall eben doch genau in die Richtung, die ich eigentlich als absurd angesehen habe und vor dessen Herausforderung ich heute doch wieder stehe: Der Übergang (Trans) vom Mann zur Frau (Sexualität).
Und noch etwas bewirken die Pflanzenextrakte: Die Einnahme von Phytohormonen und -blockern sollten eigentlich auch meinen so gehassten männlichen Trieb abschwächen. Aber anscheinend wird dieser eher gefördert. Wenn eine Libidoabschwächung eingetreten war, so war sie auch nicht von langer Dauer. Denn so wie pharmazeutische Produkte wirken, so wirken die pflanzlichen definitiv nicht. Auch blieben bis auf eine minimale, nach außen hin kaum merkliche Brustveränderung alles beim alten. Nur eben meine Gefühle nicht: hier bekam ich mehr Selbstbewusstsein zu meiner Weiblichkeit aber auch einen gesteigerten Wunsch, diese nach außen zu tragen. Und so stehe ich heute wieder vor dem Problem, vor dem ich schon so oft in meinem Leben stand: Wie kann ich diesen Weg am besten gehen?