Dienstag, 21. Dezember 2010

Kamikaze oder purer Optimismus?

Ich frage mich so langsam, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Ich meine, ich lebe nun seit bald sieben Jahren mit dieser Frau zusammen. Diese Beziehung hat auf beiden Seiten das Leben bereichert und wir lieben uns mehr denn je. Jede von uns hat ihren Tiefpunkte gehabt und immer ist die andere für einen da. Das schöne ist auch, dass jede von uns ihre eigenen Freiheitsbereiche besitzt in die die Partnerin nicht ungefragt eintreten würde. Eigentlich perfekt, oder?
Leider nicht ganz so perfekt. Auch wenn ich mich als Frau sehe und das seit über einem Jahr auch immer stärker raus lasse, so sieht sie mich weiterhin als Mann  - und dass soll in ihren Augen auch so bleiben. Natürlich merkt sie, dass ich mich verändert habe und sehr wahrscheinlich scheint sie auch zu ahnen, dass da mehr hinter hängt als nur ein Gleichberechtigungsgedanke. Und ja, sie unterstützt mich auch bei der Verwirklichung meiner Wünsche. So hat sie als erstes angefangen mir Nachthemden und feminine Alltagsklamotten zu kaufen. Sie versteht das ich weibliche Kleidungsstücke lieber trage als die für Männer, da diese mir erstens besser gefallen und zudem auch besser stehen. Mit ihr Kosmetik einkaufen zu gehen ist auch einfach nur göttlich! Aber dennoch will sie nicht, dass ich als Frau herum laufe; also Rock oder schöne Stiefel gehen gar nicht. Als ich mir zum Herbstanfang Stiefel gekauft habe die nur leicht weiblich aussahen, war sie schon etwas enttäuscht das es Frauenschuhe waren (So schöne Stiefel für Männer gibt es nun mal eben nicht.). Naja und seit dem ich die Pille nehme lässt natürlich auch das Liebesleben radikal nach. Gut, auch sie hatte Stress und hatte keine Lust auf Sex. Aber mir machte das Sexualleben schon seit langer Zeit keinen Spaß mehr und daher empfinde ich die Nebenwirkungen der Pille als absolute Befreiung, auch wenn es mir um sie leid tut. Ich weiß nicht ob sie es erahnt, dass ich die Pille nehme oder irgend etwas anderes. Gesagt habe ich es ihr nicht und das quält mich, sehr wahrscheinlich auch zu recht. Aber ich traue mich nicht. Überhaupt traue ich mich nicht dieses Thema anzusprechen. Ich habe angst, dass es wirken könnte wie eine Holzhammermethode. Nach dem Motto: Jahrelang lebte er seinen Mann und nun spinnt er und will eine Frau sein! Mal ganz ehrlich, da bin ich wieder am Anfang meines gesamte Blogs: Die Vorstellung von Transsexualität ist in unserer Gesellschaft nahezu unvorstellbar. Es wirkt einfach skuril, weltfremd und je mehr ich darüber nachdenke, auch krank. Dabei weiß ich noch genau wie ich mich vor meiner bewussten Lebensänderung noch vor einigen Jahren gefühlt habe. So will und werde ich nicht weiter leben können und wollen!
Aber genau dieser abstrakte Zwiespalt macht mich so krank. Und dass, obwohl ich mich seit dieser Änderung meines Lebens zum positiveren verändert habe und ein Höchstmaß an Lebensfreude empfinde.
Ich denke, ich werde es so weiter machen, wie ich es begonnen habe. Sie weiß dass ich zu ihr stehe und das ich sie mehr als alles andere in der Welt liebe. Und jeder Mensch verändert sich im laufe seines Lebens, je nachdem was für Ereignisse auf ihn treffen die sein Denken und Handeln beeinflussen. Möglicherweise weiß sie auch um meine Transsexualität, denn in meinen Unterlagen liegen auch irgendwo die Berichte meines Psychotherapeuten der mich vor unserer Beziehung wegen TS betreute. Möglicherweise hat sie aber auch schon vor Jahren von einer guten Freundin erfahren, dass ich diese Neigungen habe. Immerhin sind wir beide mit dieser Person befreundet gewesen und diese wusste auf jeden Fall davon. Jetzt wo ich darüber nachdenke fällt mir eine Frage meiner Frau ein als wir uns vor einigen Tagen im Bett über Kinder unterhalten hatten. Da ich eigentlich keine Kinder möchte und sie aufgrund mangelndem Sex darüber nachdenkt die Pille abzusetzen, sagte ich zur Unterstützung dieses Vorhabens, dass ich ja vielleicht auch gar nicht zeugungsfähig sei. Sie lächelte dann nur und sagte dann mit leicht betroffenen Gesichtsausdruck: "Aber Du lässt sie dir nicht heimlich weg schneiden!?!" --------
Scheiße. Ich komme mir so vor als ob ich ein Weltbild bewusst zerstöre.
Zudem kenne ich ja eine Menge Lebensberichte ehemaliger TS. Und in den allermeisten Fällen ist die Beziehung daran gescheitert. Dabei habe ich noch nicht einmal den sehnlichsten Wunsch bis zur GaOP zu gehen. Mir würde es vollkommen reichen, nur als Frau angesehen zu werden und auch so zu erscheinen. Das ist auch der Grund, warum ich die ganze Sache jetzt im Alleingang ohne medizinische und/oder psychologische Begleitung angehe. Das habe ich schon einmal alles durchgemacht und ich fühlte mich dabei eher wie gefesselt als befreit. Zwar waren die Gespräche mit meinem Psychologen die Besten, die ich je in meinem Leben geführt habe. Aber ab einem gewissen Punkt muss man selber entscheiden was man aus dem Wissen und den Erkenntnissen macht. Und mir war damals schon klar: Wenn ich den Weg der GaOp gehen will oder wenn der Name geändert werden soll, dann werde ich dies Grundlage für diesen Schritt legen und kein Arzt oder Psychologe - zumal ich Privat zahle und nicht über eine Kasse!

So, nach all dieser Gefühlsduselei werde ich mal meine Sachen für die Weihnachtstage packen. Ich hoffe meine Frau steht auch weiterhin zu mir und ich kann ihr all das geben, was sie benötigt. Aber jetzt geht es erst einmal darum, trotz Schnee und Eisglätte gesund zu unseren Familien zu kommen und die Tage durchzustehen. Zumindest lenkt das alles ab von den Sorgen und Problemen des Alltags. Und wie die Zukunft aussieht weiß schließlich keiner von uns. Nur, dass man möglichst positiv in die Zukunft blicken sollte muss auch ich mir mal wieder kräftig vor Augen halten.
Also von wegen Kamikaze. ALLES WIRD GUT! ;-)



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