Freitag, 24. Dezember 2010

Existenzielle Sorgen

Es ist gerade 6:00 Uhr am Morgen und zudem noch der 24. Dezember 2010. Eigentlich sollte ich die Gunst der Stunde nutzen und ausschlafen, doch seit Stunden wühle ich im Bett hin und her und quäle mich mit existenziellen Sorgen.

Diana drückte es die Tage so passend aus als sie sinngemäß in einem Kommentar sagte, dass man sich über den Preis für den Weg den man gehen will im klaren sein muss. Dann würde das Zahlen nachher leichter fallen. Sie erwähnte es zwar in einem anderen Zusammenhang, als wir über Beziehungen und zwischenmenschliche Kontakte sprachen.  Aber vom Prinzip lässt es sich ja auf alle Lebenslagen ausbauen. Mich quält dieser Grundgedanke jetzt eher existenziell.

Als ich damals meine Lehre zum Gärtner gemacht habe, kam es eher aus einer Verlegenheit heraus. Eigentlich wollte ich eine Ausbildung zum Fotografen machen aber all jene bei denen ich mich beworben habe, wollten nicht ausbilden. Heute weiß ich zwar, das man diesen Beruf auch über den schulischen weg erlernen kann, aber damals fühlte ich mich mit der Suche nach einem Beruf sowieso ziemlich überfordert. Irgendwie war ich noch lange nicht so weit, fühlte mich noch gar nicht ausgereift. Obwohl ich mich vom schulischen Stand her auf dem gleichen Level wie alle anderen befand. Heute erahne ich, dass vieles von dem was ich nie verstanden habe auch mit meiner transsexuellen Situation zu tun gehabt haben wird. Bedenkt man alleine das ich bis heute auf meine Pubertät warte; etwas was ja von vielen transsexuellen Menschen berichtet wird.

Tja und dann kam ich übber einen bekannten an einen Ausbildungsplatz zum Landschaftsgärtner. Da ich sowieso schon immer so ein Eigenbrödler war und mich viel mit Natur und Tieren beschäftigt habe, dachte ich, der Gärtner wäre auch eine gute Berufswahl. Wie ich dann auch merkte, brachte mich diese Wahl recht schnell in das harte Arbeitsleben (hart weil es ja zum Baugewerbe zählt) und ich fing an das Leben zu erlernen. Gut, soweit vielleicht noch ein relativ normaler Ablauf. Doch ich kam nach Beendigung der Ausbildung noch immer nicht mit dieser Welt klar. Zwar war ich bereits Anfang zwanzig, fühlte mich aber alles andere als Erwachsen. Es war als hätte man vieles erlebt ohne überhaupt gelebt zu haben. Meine Wünsche fürs Leben blieben einfach unerfüllt und hinzu kam noch immer, dass ich wie schon in meiner Kindheit immer wieder den Hang zu Frauenklamotten hatte; was natürlich peinlich war, da ich mich nicht traute eigene zu kaufen sondern die meiner Freundin heimlich anzog wenn sich mal diese Gelegenheit ergab. Naja, auch dass wird vielen von Euch vielleicht auch aus eigener Erfahrung bekannt vor kommen.

Mit dem Beruf des Gärtners wollte ich auf jeden Fall Schluss machen. Viel zu hart war der und machte mir auch körperlich schon etwas zu schaffen (wenn man jung ist achtet man halt nicht so auf die richtige Körperhaltung und so!). Mein Wunsch war ja noch immer was mit Fotografie. Am liebsten in der Mode denn die begeisterte mich - aber auch nur heimlich, denn es war mir peinlich mich als augenscheinlicher Mann mit sowas zu beschäftigen. Denn Schwul war ich ja nicht; jaja diese Klischees.
Da ich mittlerweile aber wusste, dass der Fotograf vor allem in der Ausbildung kaum was verdient, entschied ich mich dazu ein Studium zum Grafik-Designer zumachen. War eine echt tolle Sache. So viel Kreativität die ich ausspielen konnte und wofür ich sogar ein positives Feedback bekam war echt der Hammer. Zu meinem Glück unterstützte mich mein Vater finanziell und sponsorte mir eine komplette DTP Einrichtung. Und weil ich ja schon immer so Kontakt scheu war, mich noch immer nicht in die Modewelt traute, versuchte ich zusammen mit einem Freund der ebenfalls aus dem DTP Bereich kam mich als freier Grafiker selbständig zu machen (Zur erklärung: DTP steht für Desktop Publishing und meint das Erstellen von Layouts und Druckvorlagen am Computer - Mitte der 90er der Große Trend dank Apple, Photoshop und Co. Allerdings kam auch auf dem Markt der umgeandelte Spruch auf: Wer nichts wird, wird Grafiker! Irgendwie machte das fast jeder.)

Naja, der Laden lief dann nach einigen Jahren aber mittlerweile ohne mich. Ich musste mit ende zwanzig meinen Zivildienst nachholen und finanziell hätte das der Laden nicht lange durchgehalten. Also wieder bei Null angelangt. Ach ja, dieser Zivildienst trug nicht gerade dazu bei mich erwachsener zu fühlen. Vor allem nicht, weil ich ihn in einer Jugendherrberge absolvierte.

Das war dann auch die Zeit, in der ich mich (finanziell gebeutelt dank Zivildienst-Besoldung) ziemlich zurückgezogen hatte. Ich dachte über mein Leben nach und bei den vielen Schülern um mich herum merkte ich auf einmal wieder, dass die etwas erlebten, worauf ich noch wartete: ich war mir wieder einmal meiner unerfüllten Lebensrolle bewusst. Hinzu kamen auch da dann finanzielle Sorgen, denn was ist nach dem Zivi-Dienst? Bekomme ich einen Job. Und wie kann ich als Frau leben? Und, passt das eigentlich zusammen: Job und Frau?

Aber das Glück spendete mir einen alten Klassenkameraden der mir einen (für meine Verhältnisse) gut bezahlten Job als Bildbearbeiter in  der Werbeabteilung eines Düsseldofer Elektronikeinzelhandelskonzern verschaffte. Es war in der gleichen Abteilung in der er auch schaffte, was mir den Einstieg und das knüpfen sozialer Kontakte wesentlich vereinfachte, da ich damit in diesem "riesen" Unternehmen ein echtes Problem hatte; da war noch immer dieses unsagbare Minderwertigkeitsgefühl mit dem ich nicht umgehen konnte.

Nach knapp einem Jahr (und wieder einem relativ gefüllten..., nein ausgeglichenem Konto) stellte ich mich meinen "trenssexuellen Wünschen". Ich begann mir die Sachen zu kaufen die mir gefielen und trug sie heimlich oder unter meinen normalen Klamotten, nur um das Gefühl zu haben ICH zu sein. Diese Heimlichkeit trug natürlich nicht dazu bei, dass sich mein Selbstvertrauen  verbesserte.
In der Firma bekam ich aber immer wichtigere Aufgaben. Und es endete sogar darin, dass ich mit meinem Freund und Kollegen ein Konzept zur Umgestaltung des Arbeitsablaufes in der Grafik resp. Werbeabteilung ausarbeitete (damals war ein PDF-Worflow das Non Plus Ultra) was uns über Jahre ein Projekt garantierte, in dem wir viele Freiheiten genießen konnten.

Doch kaum war das Projekt erfolgreich beendet und der normale Arbeitsalltag eingetreten, verstärkte sich mein Gefühl der Leere wieder immens. Da war nichts mehr was mich ablenkte von dem was mich quälte. Ich hatte in der Abteilung und in der Werbung eine Menge netter Mädels kennen gelernt, war teilweise recht gut mit ihnen befreundet und mein Ego wuchs von Tag zu Tag. Aber auch der Neid ihnen gegenüber wuchs, denn sie lebten wie ich nicht leben durfte oder konnte.

Nach drei Jahren entschied ich dann einen Psychologen in meine geheimen Wünsche einzubeziehen. Ich wollte mein leben endlich selbst in die Hand nehmen. Ich wollte Hormone. Ich wollte den Alltagstest (hmm, kann man so was wollen?... naja...) ich wollte die GaOP.

OK, ich hatte nicht viel zu verlieren. Hatte einen guten Job in dem ich mich beweisen konnte und in dem man mich schätzte. Ich war Single und im Besitz einer gesetzlichen Krankenkassenkarte. Zudem war Transsexualität "etabliert" und so sollte es kein all zu großer Schritt sein, meinen Weg zur Frau endlich in Angriff zu nehmen. Doch Pustekuchen! Es kam alles anders als gedacht.

In meiner Abteilung hatte ich einen leicht jüngeren Kollegen, der nicht nur unheimlich sympathisch war, sondern dazu noch auf mich stand. Und ich in meiner angehenden Frauenrolle empfand seine Schmeicheleien auch als Bestätigung meiner selbst. Allerdings hatte die Sache einen Harken: Er stand auf Männer. Und ich wollte auf Teufel komm raus keiner mehr sein - viel zu lange musste ich diese Rolle schon ertragen. Naja, und dann haben wir es trotzdem versucht, die Schmetterlinge im Bauch waren irgendwie zu übermächtig ;-) .

Aber die Sache begann zum Problem zu werden. Ich hatte mich zwar schon recht früh bei einigen Kollegen geoutet aber eben nicht bei allen. Da fehlte mir irgendwie der Mut, denn mit denen war ich nicht so vertraut. Doch mein lieber Freund war da offener und plauderte gerne über uns was irgendwann dazu führte, dass ich mitten im Raum stand und doch nicht wirklich da war. Es war alles so fremd, ich fühlte mich beobachtet, heimlich ausgelacht, mit spöttischen Augen durchlöchert und mit sorgenvollen Blicken gekränkt.
Irgendwie hatte ich es geschafft mein Coming out total zu versemmeln - so kam es mir zumindest vor. Ab da an ging es beruflich und emotional begab. Jaja, bin halt ein sehr empfindsames und scheues Wesen ;-) .

Nach knapp vier Jahren kündigte ich dann und widmete mich einem neuen Projekt in der Selbständigkeit. Nie wieder große Unternehmen! Nie wieder unkontrollierbare zwischenmenschliche Zustände! Nie wieder Spott Das waren meine Beweggründe wieder selbständig zu werden. Und die Arbeit und der Stress den ich dann auch hatte, vereinnahmte mich so sehr, dass ich selbst bei meinem Psychologen im Anzug antanzte. HALLO, ANZUG, häää?!?!?!? Was für ein total schizophrenes Bild!
Ich glaube allerdings, mein Therapeut hat gemerkt, dass ich noch lange nicht so weit war, sondern erst einmal andere Probleme mit mir meistern musste. Wir beendete dann unsere regelmäßigen Sitzungen, alleine schon weil es mir auf Dauer zu teuer wurde - ich hatte ja keine Krankenkasse mehr und war auf mich alleine gestellt.

Naja, und dann lernte ich meine jetzige Frau kennen (nein verheiratet sind wir nicht. Ich nenne sie nur gerne meine Frau denn eine bloße Freundin ist sie nicht und Partnerin hört sich oft so kalt an). Sie brachte mich dann mit ihrer klaren Art auch recht schnell von meinem hohen, ja fast schon dekadenten Ross runter. Ich führte zu dieser Zeit eine Werbeagentur mit zwei Partnern und ritt anfänglich auf einer kleinen Erfolgswelle. Sowas kann gekoppelt mit persönlichen Unstimmigkeiten schnell zu einem Überheblichkeitsproblem führen. Was dann auch eintrat. Nicht nur, dass es in der Agentur zwischen den Geschäftspartnern zu Spannungen kam. Sondern auch die Tatsache, dass mir immer mehr Bewusst wurde das die Werbung ein verlogenes Geschäft ist in dem es nur darum geht den Leuten möglichst ein Image oder eine Illusion zu verkaufen auch wenn es der größte Scheißdreck ist, schien sich nicht mehr mit meinen persönlichen Moralvorstellungen überein bringen zu lassen. Ich habe mir selbst schon immer was vor gemacht, da muss ich es nicht auch noch dem Rest der Welt antun.

Nach gut sieben Jahren wurde dies Gesellschaft dann aus dem Handelsregister gestrichen und liquidiert. Für mich der Beginn eines neuen Lebens - schon wieder. Und da ich Ruhe und Naturnähe suchte, versuchte ich die ersten Monate mit Gartenarbeiten zu überbrücken. Meine Erfahrungen in der Selbständigkeit und die Tatsache, dass ich diesen Beruf des Gärtners ja auch mal erlernt hatte und auch ein gewisses Talent dafür habe, machten aus dieser anfänglichen Nebenbeschäftigung mit therapeutischem Hintergrund  ein lohnenswertes gartenbauliches Gewerbe. Und da stehe ich heute. Und bin ich zufrieden?

Scheiße man. Seit dem ich mit meiner Frau zusammen bin, beneide ich sie. Es ist zwar nicht so wie in vorangegangenen Beziehungen, dass ich nur mit ihr zusammen bin weil ich mich in ihr sehe. Nein, ich sehe sie wirklich als meine Partnerin die ich aufgrund ihrer Art nicht nur liebe sondern auch sehr schätze. Aber wenn wir (wir wohnen ja mittlerweile in Baden-Württemberg - nur mein Geschäft ist noch in Essen) z.B. nach Metzingen in die Outlet-City fahren und sie sich neue Klamotten kauft die wir zusammen aussuchen, dann zerreißt es mir das Herz - das will ich auch!!!

Gut, mittlerweile ist es so, dass ich damit rechnen muss, dass sie mit meiner Transsexualität womöglich doch nicht so klar kommt. Aber was soll ich auch machen. Würde ich so weiter Leben, gebe ich mir irgendwann die Kugel. Also ist dieser Weg schon mal ausgeschlossen. Und Kinder will ich auch auf keinen Fall, denn denen möchte ich den Schmerz ihren Vater als Mutter eintauschen zu müssen auch nicht antun. Von der Seite aus betrachtet bin ich also schon einigermaßen Abgeklärt. Aber wie ist es mit der beruflichen Seite? Ich meine, alleine schon die Tatsache das ich als "Private" für alle Kosten des Gesundheitswesens aufkommen muss (und Transsexualität fällt ja nun mal auch darunter) macht mir die Sache nicht einfacher. Der Gartenbau so wie ich ihn derzeit ausübe, ist mühselig und extrem kraftaufwendig. Ich merke zudem seit dem letzten Jahr in dem ich wieder mit Hormonen angefangen habe, dass genau diese Kräfte schwinden. Es ist schwieriger als vorher gewisse arbeiten durchzuführen. Und dabei ist die Dosierung noch sehr niedrig.

Wenn ich also den Gartenbau aufrecht erhalten will, muss ich jemanden einstellen. Aber Einstellen bedeutet auch mehr Kosten, mehr Verantwortung und dadurch auch mehr Druck. Druck, den ich womöglich in dieser Übergangsphase nicht durchstehen werde. Und zurück in die Werbung werde ich auch nicht gehen. Zumindest nicht ohne moralisch vertretbarem Konzept. Aber ich befürchte, dass es das in diesem Bereich nicht geben wird. Also, was tun sprach Zeus....?

Wie man sieht braucht man sich als Transe keine Probleme besorge. Man bekommt sie quasi von Geburt an frei Haus in schier unerschöpflichen Menge mitgeliefert. Grönemeyer sollte sein Lied "Männer" umschreiben und uns widmen. Und wenn er gerade schon dabei ist könnte er auch "Kinder an die Macht" umschreiben und ebenfalls uns widmen. Wenn wir es geschafft haben, dann haben wir das Zeug dazu die Welt zu retten!.... hoffe ich mal. ;-)

So es ist jetzt genau 8:13 Uhr am 24. Dezember 2010. Das Ruhrgebiet ist im Schnee versunken und ich rieche einen Kaffeeduft durchs Haus strömen. Da kann ich Mutti nicht lange warten lassen.
In diesem Sinne,

Euch allen eine schöne Weihnachtszeit und lasst uns die Probleme heute mal versuchen zu vergessen!!!

Eure Christina

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen