Donnerstag, 30. Dezember 2010

Das böse T-Wort - Oder: Über Transsexualität zu reden ohne es auszusprechen!

Ich habe es glaube ich schon des Öfteren in meinem Blog erwähnt: Ich bin nicht gerade stolz darauf "transsexuell" zu sein und habe auch so meine Schwierigkeiten damit, meiner Umwelt dieses Thema zu vermitteln. Ich denke, auch wenn eine Toleranz mittlerweile zu diesem Thema gegeben ist, ist und bleibt es mehr oder weniger ein freakiges Thema über das man sich meist nur im Spott aus lässt.

Wie komme ich nun auf dieses zugegebenermaßen schwere Thema?
Wie ich ebenfalls schon oft erwähnt habe, konnte ich mit meiner Frau bis heute nicht richtig über meine Transsexualität reden. Zwar brennt es mir im Herzen sie mit in meine Gedanken und Gefühle einzubeziehen aber das Thema direkt anzusprechen schaffe ich nicht; und sehr wahrscheinlich will ich es auch tief im Inneren gar nicht.
Und wieso will ich das nicht? Ich glaube die Antwort ist bezugnehmend auf eine Eingangsworte doch recht simpel: Weil ich mich nicht als Transsexuell ansehe sondern als Frau die nur ein recht unpassendes dämliches Äußeres hat. Mir geht es da nicht anderes wie vielen Menschen, die Transsexualität als Fetisch oder Krankheit ansehen. Ich weiß, dass ist sicherlich etwas naiv Gedacht und auch absolut nicht die richtige Sichtweise. Aber als genau so naiv sehe ich es auch an, auf einmal als ein anderes Geschlecht anerkannt werden zu wollen. Auch wenn ich es aus logischer Sicht besser Wissen müsste als der Rest der Gesellschaft, ich denke aber vom Prinzip her genauso da ich mit diesem Denken aufgewachsen bin! Daher ja auch die eigenen Probleme sich mit dem Ich-gewordenen Problem auseinander setzen zu können.

Gut, ich könnte jetzt zu meiner Frau gehen und sagen: "Schatz, wir müssen mal miteinander reden. Ich habe da seit meiner Vorschulzeit ein bewusstes Problem mit dem ich auch heute noch Schwierigkeiten habe umzugehen: Ich bin eingentlich kein Mann, sondern eine Frau! Ich ziehe gerne Frauenklamotten an und möchte ab sofort auch nur noch als Frau leben." Die garantiert erste Reaktion meiner Frau wäre ein symbolischer Vogel und die Frage: "Hallo, hast Du 'nen Schaden? Was hast Du geraucht?". Klar, sie würde mich nicht für ernst nehmen.
Doch was wäre wenn ich es nach einiger Zeit nochmal versuchen würde zur Sprache zu bringen, vielleicht sogar mit allem Nachdruck? Es wäre dann sehr wahrscheinlich das zehnfache dessen was ich erlebte, als ich mir das erste Mal die Beine rasierte: Sie bekam einen Heulanfall, schrie mich mehrfach an ich sei krank und verrückt, verwies mich des Bettes und sagte ich solle zum Psychologen gehen. Ich mag gar nicht darüber Nachdenken wie ihre Reaktion in Bezug auf ein direktes Voll-Outing sein könnte. Ich denke, ich könnte meine Koffer packen.


Aber muss das so kommen? Muss ich mit der Tür ins Haus platzen? Muss ich meiner Partnerin dieses sehr Umfangreiche und absolut tief in die Beziehung eingreifende Problem mit einem Mal auf's Auge drücken?

Seit dem ich mich zur Transsexualität bekennen muss (sprich, seit dem ich weiß warum ich bin wie ich bin!), habe ich die verschiedensten Lebensberichte anderer TS in Büchern, Foren und Blogs gelesen. Oftmals war das Coming Out der eigentliche Wendepunkt bei den Meisten, da hier die einschneidensten Erlebnisse stattgefunden haben. Wer von Kindheit an das weibliche Leben trotz männlichen Körper leben konnte oder wer u.U. als Erwachsener beziehungslos war, hatte weniger stark mit den Nebenwirkungen des Outings zu kämpfen. Zwar musste auch hier eine gesellschaftliche Akzeptanz erkämpft werden aber der Zerfall eines anscheinend intakten Lebens viel weniger stark ins Gewicht. Zumal in erster Linie nur noch die Verantwortung vor sich selbst und nicht noch gegenüber einem Partner oder vielleicht sogar einer Familie (die Eltern mal ausgenommen) im Wege stand.

Ich habe mich dann beim Lesen dieser Berichte immer wieder gefragt, warum es zu solch einschneidenden Ereignissen überhaupt kommen musste? Waren die Personen schon vom Unterbewusstsein darauf aus, ihr gesamtes Leben mit einem Mal einfach abzuschmeißen? Das wäre ja zumindest ein triftiger Grund sich möglichst aufsehen erregend zu outen.
Oder waren die Personen von ihren eigenen, auf einmal bewussten Gefühlen sowas von überwältigt, dass sie jegliches Feingefühl verloren und sich somit in den partnerschaftlichen Freitod begaben?
Eine Antwort auf diese Fragen ist sicherlich nicht pauschal zu geben, da individuelle Persönlichkeiten und Lebensumstände hier eine ganz wichtige Rolle bei spielen. Und auch ob das Ergebnis solch eines Coming Out als gut oder schlecht angesehen werden kann, lässt sich nur individuell beantworten. Ich denke, dass für jeden der vor dem Problem des OUTEN steht mindestens drei Dinge klar sein sollten:

  1. Jeder Mensch hat eine Verantwortung sich selbst aber auch seiner Umwelt gegenüber. Dieser Gedanke schließt ein Geben und Nehmen ein, was allerdings oft in der Realität meist nur als Nehmen verstanden wird. Das bedeutet, wenn ich meinem direkten Umfeld eine so starke Veränderung mitteilen muss, dann sollte ich es in verständlichen und kleinen Schritten unternehmen. Ich kann nicht erwarten, dass mein Gegenüber alles genauso auf nimmt, wie ich es selber empfinde - wofür ich selbst vielleicht Jahre oder Jahrzehnte gebraucht habe um sie zu begreifen. Meistens versteht der Gegenüber selbst bestens formulierte Erklärungsversuche nur zur Hälfte. Das trifft noch wesentlich stärker auf nahe Familienangehörige, den Ehepartner oder die Kinder zu. Hier behindern alleine die starken Gefühle oft ein klares Verständnis der Lage! Man muss seinen Leuten also Zeit lassen und sie nicht überfordern.
  2. Jeder Mensch hat das Recht auf Individualität - auch in einer Partnerschaft. Wenn ich gerührt bin darf ich weinen. Wenn ich mich gut fühle darf ich glücklich sein. Wenn ich keinen Bart mag brauche ich keinen zu tragen. Wenn ich... man könnte das jetzt beliebig lange ausführen. In meinem Fall war es so, dass die radikale Rasur meiner Beine meine Frau überforderte. Aber das leichte Schminken und das tragen von Tops, Nachthemden und Blusen eher mit einem Schmunzeln aufgenommen wurde. Auch der Ohrring der nach Jahren wieder zum Einsatz kam, führte nur kurz zu irritierten Blicken. Alles zusammen trat aber auch hier in homöopatischen Dosen ein. Um genau zu sein war es ein Zeitraum von 1 1/2 Jahren für diese recht geringen Veränderungen. Meine Frau hatte Zeit sich auf mein ganz neues und individuelles Lebensgefühl einzustellen.
  3. Man sollte sich klar sein, was man fühlt und vor allem was man will. Da greife ich dann gerne nochmal den Vergleich von Diana auf, die es in einem Kommentar so treffend benannte: "Niemand kann es allen Recht machen, unter diesen Umständen sowieso nicht. Deshalb scheint es mir wichtig, sich von diesem Wunsch zu trennen. Jeder Mensch hat seinen Weg, den man gehen muss und den Preis dafür muss man bezahlen. Wichtig ist, sich darüber ganz im Klaren zu sein, dann fällt das Zahlen leichter". Ich finde besser kann man es nicht ausdrücken!
Wenn ich mich versuche in die Lage der Anderen  rein zu denken, dann bekomme ich immer dieses eine Bild: Was wäre, wenn mein Vater von heute auf morgen zu uns sagen würde, er wolle ab sofort nur noch als Frau leben weil er sich so fühle und es nicht länger aushalten würde?
Selbst ich als Transe würde wohl zuerst geschockt sein. Dann jedoch würde die Logik in mir aufkommen und ich würde sehr wahrscheinlich von mir auf ihn schließen. Ich würde wohl Verständnis für seine Situation entwickeln und denken, dass es ja naheliegend sei, da wir ja eine direkte Geschlechtslinie sind und ich ja auch Transsexuell sei. Doch wäre das richtig? Immerhin ist Transsexualität keine Krankheit und muss daher auch zwangsläufig keine Vererbung beinhalten. Wäre Transsexualität eine Krankheit, wäre es naheliegender das es auch vererbbar ist. Bei diesem Vergleich stellt sich für mich heraus, dass ich wohl auch in mir dieses Krankheitsdenken zu TS habe obwohl es ja mittlerweile auch medizinisch bewiesen ist, dass TS keine Krankheit ist!
Doch was dann beim Nachdenken über meinen Vater noch käme wäre die Frage: Welche Sorgen oder Probleme hat er, dass er sich in eine andere Persönlichkeit flüchten will? Und da schlägt es mir doch gleich den Boden unter den Füßen weg. Ich selbst bin Transsexuell. Ich selbst kämpfe seit frühester Kindheit mit dem falschen Körper. Ich selbst habe mich geoutet und die ganzen Peinlichkeiten schon einmal mitgemacht. Ich selbst kämpfe für die Anerkennung meines Problems und meiner Persönlichkeit. Und dennoch kommen mir bei einem solchen Gedankenspiel als erstes die Gedanken in den Sinn, die alle anderen Unwissenden hierzu wohl auch denken würden. Wie kann das sein?

TS ist einfach abstrakt. Sie ist (noch) nicht 100% medizinisch nachweisbar. Sie ist nicht mit äußeren Symtomen eine Krankheit verbunden . Und sie ist auch nicht nachfühlbar. Es ist einfach nur wie es ist und das macht das ganze so kompliziert. Und daher ist es auch so wichtig die obigen drei Punkte immer wieder vor Augen zuhalten. TS ist wenn sie behutsam und überzeugt gelebt und vor allem angegangen wird nichts unmögliches. Das zeigen dann auch wieder die vielen Blogs oder Bücher die man so vielfältig im Internet oder im Buchhandel finden kann. In dieser Hinsicht bin ich froh heute zu leben und nicht vor 30, 50 oder mehr Jahren - eine Zeit in der, glaube ich, die Informationsvielfalt gleich null war.

Ich für meine Person habe mir vorgenommen das Thema Transseualität möglichst lange Zeit in meiner Partnerschaft unangesprochen zu lassen. Meine Frau weiß das ich mich verändert habe, so nebenbei sprachen wir heute morgen darüber und sie tat, als wäre es fast das normalste von der Welt. Sie kennt meinen Kleiderschrank, sie kennt meine Kleidungsvorlieben, sie kennt meine kleine Schminktasche und ich bin ziemlich davon überzeugt, dass sie auch weiß was mit mir los ist - wir Frauen merken doch sowas eigentlich recht schnell, nicht wahr ;-) ! Sie hat natürlich auch Ängste, auch das merke ich. Zur Zeit wohl auch davor, dass wir keinen Sex mehr haben könnten. Dank der Pille läuft da momentan ja nicht wirklich was. Vielleicht hat sie auch Angst davor, dass ich irgendwann sagen könnte, ich müsse mein eigenes Leben leben - quasi meine Frau ausleben. Und na klar, sie wird auch Angst davor haben, dass ich auf einmal der Splin bekommen könnte nur noch als "Transe" herum zu laufen.
Es liegt also an mir, wie ich damit umgehe. Da ich sie liebe, werde ich nur kleine Schritte machen. Und sollte ich feststellen, dass es einen Punkt gibt an dem meinem inneren Gefühl als Frau genüge getan ist, dann werde ich ihr zu liebe an dieser Stelle stoppen. Momentan ist die Wirkung der Pille noch verhältnismäßig gering. Körbchengröße AA hatte ich ja bereits als ich meine Frau kennenlernte. Momentan ist die Brust wieder etwas am arbeiten, doch ich denke mit einer Diane-35 am Tag werden sich stärkere Veränderungen in Grenzen halten. Und was dann kommt, wird die Zeit und die Gefühle zeigen. Nur überfordern will ich niemanden. Alleine schon weil ich selber weiß wie oft mich diese Thema in der Vergangenheit überfordert hat. Das mir das gelingt, dass ist einer meiner größten Wünsche für das kommende Jahr!

A propos Neues Jahr:
Ich möchte dieses wohl letzte Posting für dieses Jahr nutzen und all jenen danken, die ihre Blogs über ihr Leben als TS im Internet frei zur Verfügung gestellt haben. Es ist nicht selbstverständlich sich vor der ganzen Welt so weit zu öffnen. Dazu gehört eine Menge Mut und Überzeugung seiner eigenen Person gegenüber. Es ist wichtig das es Eure Berichte gibt und ich hoffe ebenfalls mit meinem (noch) recht kleinen Blog einen Beitrag für all jene zu geben, die mit ihrer ganz individuellen Situation auf der Suche nach Antworten oder Hilfestellungen sind.
Vor allem aber, lasst uns weiter zusammen daran arbeite der Welt zu zeigen was und wer wir wirklich sind. Es gibt noch so viel zu verbessern, zu verändern und aufzuklären. Wenn wir das nicht zusammen tun, wer dann!?!

Ich wünsche Euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr 2011! Möge es möglichst viel Positives mit sich bringen und Eure Wünsche erfüllen oder zumindest Euch Euren Wünschen näher bringen!

In diesem Sinne nochmal ein riesiges Dankeschön!!!

Eure Christina

    Kommentare:

    1. Liebe Christina, Dir alles Gute für 2011! Ich erkenne viele Parallelen zwischen Deinem und meinem Empfinden.Leider bin ich 1952 schon geboren worden.Ich habe aus Angst nie mit jemandem über TV/TS gesprochen und nur heimlich als Wohnzimmertranse gelebt. 2009 habe ich mich nach 30 Jahren meiner Frau ,letztes Jahr einer meiner zwei Töchter gegenüber geoutet. Meine Frau möchte mich nicht im Rock sehen und ich füge mich ihrem Wunsch. Sie sagt,sie habe mich als Mann geheiratet-meinen Einwand,ich sei nie ein Mann gewesen- ignoriert sie.Wie geht es weiter??? Werde weiter Deinen Blog verfolgen- Vielen Dank dafür,dass ich das kann! HELO

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    2. Hallo HELO ich danke Dir für Deine Neujahrsgrüße! Es freut mich, dass Dir mein Blog so gut gefällt. Ich habe ja auch nur damit begonnen, weil ich niemanden hatte mit dem ich darüber reden konnte. Mittlerweile merke ich aber dass das Schreiben und die Gewissheit darüber das es von allen gelesen werden kann, mir schon eine Menge geholfen hat mit mir selber klar zu kommen. Das ich sogar Reaktionen wie die von Dir zu meinem Blog bekomme gibt mir darüber hinaus noch eine extra Portion Mut mich nicht zu verschießen sondern mich meinem Leben zu stellen.
      Ich bin mir auch nicht so sicher wie lange das bei mir gut geht in der Beziehung. Aber ich muss da für mich einen Weg finden den ich für meine Partnerin und mich verantworten kann. Die Zeit wird es zeigen...

      Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel Glück für die Zukunft. Lass Dir den Mut nur nicht nehmen!

      Danke noch mal für's mitlesen und weiterhin viel Spaß dabei!

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