Sonntag, 18. Juli 2010

Scharfstellungprobleme

Ich finde, dass schlimmste an der Transsexualität ist die Tatsache, das es keinen direkten Sprung vom Mann zur Frau oder auch umgekehrt gibt. Immer ist da diese Übergangsphase, die zudem auch noch recht ruppig verläuft und einen jedes mal verzweifeln lässt. Da freut man sich anfangs über jedes noch so kleines Gefühl weiblicher zu werden und dann steht man eines Tages vor dem Spiegel und findet sich als total entstellt; dann ist da nämlich auf einmal kein Mann mehr, so wie er immer und unverkennbar erschien, sondern nur ein irgendwie entstelltes männliches Wesen das krank oder miss gestaltet aussieht da ihm Brüste, ach was sage ich Brüstchen wachsen, weil sein Körperbau stark an Muskelmasse verloren hat und ein zierlicher Körperbau zwischen diese breiteren Schultern und dem natürlich noch immer starken Bartwuchs zum Vorschein kommt.
Natürlich ist es am Anfang noch ganz angenehm, wenn einem gesagt wird das man anscheinend immer jünger wird. Doch dieses aussehen zum anscheinenden jüngeren stellt sich dann auf einmal nicht als Auflösung des Alterungsprozesses sondern als Verweiblichung heraus und da werden dann die Blicke schon etwas verwunderter wenn nicht sogar besorgter. Denn seien wir mal ehrlich, wenn sich in unserem Unterbewusstsein heraus stellt, dass unser Bekannter auf einmal tuntig wird, dann ist uns das in den meisten Fällen sehr unangenehm. Gut, dass kann jetzt nur im Moment so scheinen, doch hält dieser Verweiblichungsprozess an, ist das kein Spaß mehr.

Wenn ich ehrlich sein soll, betrübt mich diese Phase. Seit einem dreiviertel Jahr nehme ich nun pflanzliche Hormone. Und jetzt wirken die Dinger Tatsächlich. Gut, mein Selbstbewusstsein zu mir und meiner bislang versteckten Persönlichkeit ist stärker geworden. Doch nun kommen die Probleme der Umstellung, die man nie wahr haben wollte oder die man konsequent verdrängt.
Meine Frau macht das alles dagegen erstaunlich gut mit. Zur Erinnerung: sie weiß bis heute nichts von meinem „Problem“ und daher auch nicht von meinen Hormoneinnahmen. Für sie ist meine Person nur das Ebenbild meiner Gefühle, die ich anscheinend raus lasse. Und das stimmt ja eigentlich auch. Ich fühle mich so wie ich bin und ich lebe das erste richtige mal so wie ich mich fühle und trotz der ganzen erwähnten Betrachtungsprobleme fühle ich mich gut. Ich merke halt nur, dass es jetzt um so schwieriger wird, meiner Umwelt meine Veränderungen klar zu machen und um Akzeptanz zu kämpfen!

Wie schon erwähnt, ist meine Frau mit ihrer Akzeptanz die eigentliche Kraftquelle für mein jetziges Leben. Ich will sie nicht verlieren! Und das bedeutet, ich darf auf der anderen Seite den Bogen auch nicht überspannen. Es wäre also fatal mich jetzt in diese anfangs erwähnte krasse Rollenveränderung zu begeben, nur weil ich meine das ich das jetzt müsste. Nein, vielmehr denke ich, kommt es auf ein ausgeglichenes Verhalten an, nämlich kleine Schritte zu machen die auch naheliegend sind und keine abstrakten großen. Und das ist meiner Meinung nach auch nicht so schwierig. Beobachtet man Frauen im täglichen Leben, so unterscheidet sich nicht viel von ihnen zu den Männern. Sie sind halt in erster Linie weiblicher in ihrer Art aber deswegen nicht weniger dominant oder proletenhaft. Es ist meistens das Umfeld, das uns prägt und nicht alleine unsere Hormone. Es kommt ebenso darauf an wie wir fühlen und ob wir uns trauen dieses Gefühl nach außen zu zeigen. Natürlich immer mit dem passenden Bezug zu unserem Aussehen. Denn auch eine Frau die vielleicht O-Beine hat oder unter zu viel Speck leidet wird nicht zwangsläufig weil sie sich so toll weiblich fühlt im lolitahaften Mini und auf High-Heels durch die Gegend stolzieren. Das richtige Maß ist wichtig. Und da ich mich ja noch mit meinem Körper in einer späten „Pubertät“ befinde, werde auch ich alles weiterhin ruhig angehen lassen und vor allem nicht nur mir sondern auch meiner Umwelt die Gelegenheit geben, sich auf mich einzustellen.

Das klingt alles so logisch. Mal sehen wie ich in ein paar Monaten darüber denken werde....

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